Bitte deaktivieren Sie Ihren Ad-Blocker

Für die Finanzierung unseres journalistischen Angebots sind wir auf die Anzeigen unserer Werbepartner angewiesen.

Klicken Sie oben rechts in Ihren Browser auf den Button Ihres Ad-Blockers und deaktivieren Sie die Werbeblockierung für FR.de. Danach lesen Sie FR.de gratis mit Werbung.

Lesen Sie wie gewohnt mit aktiviertem Ad-Blocker auf FR.de
  • Zum Start nur 0,99€ monatlich
  • Zugang zu allen Berichten und Artikeln
  • Ihr Beitrag für unabhängigen Journalismus
  • Jederzeit kündbar

Sie haben das Produkt bereits gekauft und sehen dieses Banner trotzdem? Bitte aktualisieren Sie die Seite oder loggen sich aus und wieder ein.

Gleiche Chancen für alle Kinder – das ist das Ziel.
+
Gleiche Chancen für alle Kinder – das ist das Ziel.

Gastbeitrag

Arm in einer wohlhabenden Region

In Europa sollen alle Kinder die gleichen Chancen haben. Die Realität sieht anders aus – auch in Deutschland. Der Gastbeitrag.

Die öffentliche Zustimmung war erwartungsgemäß grenzenlos, als die Europäische Kommission zum Frühjahr ihre erste umfassende Kinderrechtsstrategie vorstellte. Sie bildet die Grundlage für das erklärte Ziel, die Chancengleichheit aller von Armut und sozialer Ausgrenzung bedrohten Kinder in der EU zu fördern. Nur auf diese Weise, so die nachvollziehbare Argumentation, könnten diese sich ebenso wie alle anderen entwickeln. Der EU-Rat sprach von einem „Recht der Kinder, ihr Potenzial unabhängig von ihrem sozialen Hintergrund voll auszuschöpfen“, und forderte alle 27 Mitgliedstaaten auf, bis März Aktionspläne zu entwickeln. Das hörte sich überzeugend an.

Bei allem moralischen Beifall für die sogenannte Kindergarantie sollte jedoch nicht vergessen werden, dass es sich dabei vorerst um eine ambitiöse Vision handelt. Die Wirklichkeit sieht auch in der EU anders aus. Fast 18 Millionen Kinder sind in dieser wohlhabenden Region der Welt von Armut und sozialer Ausgrenzung bedroht. Diese horrende Zahl nennt der EU-Rat in seinem Vorschlag zur Einführung einer europäischen Garantie für Kinder. Das bedeutet, dass etwa jedes fünfte Kind (22 Prozent) in einem folgenreichen Kreislauf der Benachteiligung steckt, aus dem es nach unseren Beobachtungen nur schwer (beziehungsweise selten) herausfindet.

Der mangelhafte Zugang auch in Deutschland zu frühkindlicher Bildung führt oft zu sozialer Ausgrenzung, die schlechte schulische Leistungen, Schulabbrüche, später Langzeitarbeitslosigkeit nach sich ziehen kann. In diesem prekären Klima wächst dann die nächste Generation heran. Darüber hinaus wirken sich auch beengte Wohnverhältnisse und im Extremfall Obdachlosigkeit als Bremsen auf die Entwicklung aus. Nicht zu reden vom Kampf der Eltern, wenn es um Rechner für den Fernunterricht, die Teilnahme an außerschulischen Aktivitäten oder dergleichen geht.

Der Prozentsatz der Kinder, die von Armut und sozialer Ausgrenzung bedroht sind, mag innerhalb der EU stark variieren – von 12,4 (Dänemark) bis 36,3 (Rumänien). Das geht aus dem Report hervor, den unsere weltweite Hilfsorganisation Save the Children auf Basis der öffentlichen statistischen Daten in 14 europäischen Ländern – neun davon EU-Mitgliedstaaten – soeben vorgelegt hat. Die Kinder aus sozial schwachen Familien sowie Familien mit Migrationshintergrund sind beim Zugang zu frühkindlicher und schulischer Bildung zu häufig benachteiligt. Sie haben weniger Chancen, sich gesund zu ernähren, und bleiben von wichtigen Lebensbereichen ausgeschlossen. Die Pandemie hat die Schwierigkeiten verstärkt.

Völlig ohne Problem steht in dieser Hinsicht kein europäisches Land da. In Deutschland etwa wächst inzwischen jedes vierte Kind (25,6 Prozent) mit den bedrückenden Begleitumständen von Armut und sozialem Ausschluss auf. Und diese werden nicht so schnell überwunden: In den Ländern der OECD dauert es häufig vier bis fünf Generationen, bis eine betroffene Familie es endlich auf ein durchschnittliches Einkommen bringt. Besorgniserregend ist auch, dass hierzulande ein deutlicher Anstieg in den letzten Jahren zu erkennen ist. Das hat stark, wenn auch nicht exklusiv mit der Covid-19-Pandemie zu tun: Arme beziehungsweise von Armut bedrohte Familien waren im Lockdown oft gezwungen, den Wegfall von Leistungen für die Bildung und Teilhabe ihrer Kinder selbst zu kompensieren. Dabei waren sie weitgehend auf sich allein gestellt. Notprogramme der öffentlichen Hand wie „Aufholen nach Corona“ konnten die Defizite nur unzureichend kompensieren.

Von der fairen, durchlässigen Gesellschaft, die allen Kindern gleiche Start- und Entwicklungschancen bietet, ist Deutschland noch ein großes Stück entfernt. So oder ähnlich gilt das auch für alle anderen Länder in der EU. Umso wichtiger sind nun niederschwellige Angebote und Leistungen für Kinder und Jugendliche aus sozial schwachen Familien. Finanzielle Unterstützung sollte unbürokratisch ausgezahlt werden, denn eine effiziente Armutspolitik misst sich vor allem daran, ob vorgehaltene Leistungen auch ankommen.

Die EU will 88 Milliarden Euro investieren, um – neben anderen Prioritäten – bis 2030 wenigstens fünf Millionen Kinder aus der Armut herauszuholen. Nun liegt der Ball bei den nationalen Regierungen: Sie sollen Maßnahmen vorschlagen, mit denen sie auf nationaler Ebene die hehren Ziele der Kindergarantie wirksam umsetzen. Die neuesten deutschen Zahlen zeigen: Dringender kann ein Anstoß zum Handeln kaum sein.

Anita Bay Bundegaard ist Direktorin von Save the Children Europa.

Florian Westphal ist Geschäftsführer und Vorstandsvorsitzender von Save the Children Deutschland.

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare