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Am Boden

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Von: Rolf Sommer

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Humus ist wichtig.
Humus ist wichtig. © Rolf Oeser

Ohne Humus kein Leben. Wenn der Flächenverbrauch nicht bald gestoppt wird, schwindet die biologische Vielfalt immer weiter. Der Gastbeitrag.

Wie Wasser und Luft ist Boden Grundlage unseres Lebens. Er filtert und speichert Wasser. Gesunde Böden liefern gesunde Lebensmittel. Sie sind nach den Ozeanen die größten Kohlenstoffspeicher der Welt. Wichtig dafür ist der besonders belebte, nährstoffreiche und kohlenstoffbindende Humus. Doch dem Boden in Europa geht es schlecht. Die EU-Kommission schätzt, dass rund 60 bis 70 Prozent davon in keinem guten Zustand sind. Auch in Deutschland steht es um den Boden eher schlecht als recht. Das hat viele Gründe.

Boden verschwindet unter Asphalt und Beton: Für Straßen, Häuser oder den neuen Baumarkt samt Megaparkplatz werden täglich rund 60 Hektar unbebaute Fläche in Siedlungs- und Verkehrsfläche umgewandelt. Das entspricht fast 31 000 Fußballfeldern im Jahr, die wir versiegeln.

Unsere Böden geben Treibhausgase frei, anstatt sie zu binden: Besonders verheerend ist die Negativbilanz bei Moorböden, wenn sie austrocknen oder ausgetrocknet werden. Und auf Deutschlands Äckern gehen im Schnitt pro Hektar jährlich rund zehn Tonnen fruchtbarer Boden durch Erosion und Humusabbau verloren – ungefähr das Gewicht von acht bis zehn Kleinwagen.

Unter unseren Füßen schwindet die biologische Vielfalt: Viele Böden sind mit Schadstoffen belastet. Pestizide verändern und zerstören das Leben im Boden. Selbst Rückstände von Pestiziden, die bereits seit einigen Jahren in der EU nicht mehr eingesetzt werden dürfen, lassen sich in vielen Böden nachweisen. Hinzu kommen Nitratüberschüsse durch Überdüngung. Dadurch verschwinden Pflanzen, die stickstoffarme Böden brauchen. Mit ihnen verlieren weitere Arten ihre Lebensgrundlage.

In den letzten Jahren war der Schutz der Böden ein politisches Randthema. 2021 ist in der EU neuer Schwung entstanden. Im Dezember hat die Kommission einen Legislativvorschlag zur Bodengesundheit bis 2023 angekündigt. Ein solches EU-Gesetz zur Bodengesundheit, das die Mitgliedstaaten beispielsweise zur Berichterstattung über ihre Fortschritte bei der Bekämpfung der Flächenversiegelung anweist, wäre ein wichtiger Schritt. Denn offensichtlich kommen die EU-Mitgliedstaaten erst in Bewegung, wenn Sanktionen und Strafzahlungen drohen.

Der letzte Versuch, eine EU-Bodenrahmenrichtlinie zu etablieren, ist 2014 übrigens auch am Widerstand Deutschlands gescheitert. Die neue Bundesregierung hat sich dazu bekannt, auf EU-Ebene für verbindliche Regelungen einzustehen. Der Kommissionsvorstoß darf daher dieses Mal nicht an Deutschland scheitern.

Bisher verschiebt Deutschland seine eigenen Bodenschutzziele nach Belieben. Als zum Beispiel 2018 klar war, dass man nicht genug dafür getan hat, den eigenen Flächenverbrauch bis 2020 auf unter 30 Hektar pro Tag zu drücken, wanderte die Zielmarke kurzerhand auf 2030. Das darf nicht noch einmal passieren. In Deutschland muss die tägliche Flächenversiegelung bis 2030 auf Nettonull reduziert sein. Dazu müssen wir die Versiegelung deutlich reduzieren, zum Beispiel durch eine effizientere Raumplanungs- und Städtebaupolitik. Und wir müssen Flächen wieder entsiegeln, wo irgend möglich.

Auch das muss raumplanerisch und finanziell stärker gefördert werden. Oder die Folgekosten der Flächenversiegelung, das heißt die Kosten der verloren gegangenen Bodenfunktionen, sollten bei einer neuen Bebauung eingepreist werden. Dazu sollte der Bund in Abstimmung mit Ländern und Kommunen 2022 einen Aktionsplan Flächen- und Bodenschutz verabschieden. Dieser sollte explizite Zielmarken für die Entsiegelung enthalten wie auch für das Vermeiden von Flächenversiegelungen.

Hierzulande sind außerdem mehr als 90 Prozent der Moore entwässert. Die Aufgabe ist es, möglichst viel von diesen Mooren zu renaturieren und vom Klimakiller zum Klimaplus zu machen. Die Wiedervernässung von Torfmoor und Feuchtgebieten sollte sich daher finanziell auszahlen. Es ist eine zeitnahe Aufgabe für Landwirtschaftsminister Cem Özdemir und Umweltministerin Steffi Lemke, dafür zügig mit den Bundesländern geeignete Förderprogramme aufzustellen.

Böden dürfen nicht nur auf ihre Funktion als Kohlenstoffspeicher reduziert werden. Nur gesunde Böden erfüllen optimal ihre Funktion als Lebensraum für Tausende von Bodenorganismen. Und die sind wichtig für das Wachstum von Pflanzen und bei der Regulation des Wasserhaushalts. Dazu braucht es auch im konventionellen Ackerbau breitere Fruchtfolgen mit Zwischenfrüchten. Außerdem muss der Einsatz von Pestiziden sowie der von Stickstoffdünger erheblich sinken.

Die Fakten sind klar, die Landwirtinnen und Landwirte wollen loslegen. Jetzt ist die Politik am Zug, dafür wirtschaftlich sichere Rahmenbedingungen zu schaffen. Aktiver Bodenschutz darf kein Minusgeschäft sein, sondern muss sich endlich lohnen.

Dr. Rolf Sommer leitet den Fachbereich Landwirtschaft beim Umweltverband WWF Deutschland.

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