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Zwanzig Wochen alte Puter stehen  in einem Putenstall in Niedersachsen.
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Zwanzig Wochen alte Puter stehen in einem Putenstall in Niedersachsen.

Gastbeitrag

Alptraum verhindern

  • VonMartin Häusling
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Reserveantibiotika müssen Menschen vorbehalten bleiben und dürfen nicht in der Tiermast eingesetzt werden. Sonst wirken sie bald nicht mehr. Der Gastbeitrag.

In diesen Wochen entscheidet sich, ob angesichts steigender Antibiotikaresistenzen lebensrettende Reserveantibiotika auch in Zukunft noch Menschenleben retten können. Viele Reserveantibiotika werden massenhaft in der Tiermast eingesetzt, was ihre Wirksamkeit bedroht.

Die neuen Vorgaben in der europäischen Tierarzneimittelverordnung, die von Januar 2022 gelten werden, liegen in den letzten Zügen. Der Vorschlag der Europäischen Kommission zur Beschränkung der Reserveantibiotika sind nicht konsequent genug. Deshalb hat der Umwelt- und Gesundheitsausschuss des Europäischen Parlaments auf meinen Antrag hin Widerspruch eingelegt. Im September wird das Europäische Parlament entscheiden.

„Ausmedikamentiert“ sagt man, wenn nichts mehr geht. In so eine Situation möchte keiner kommen: an einer harmlosen Infektion zu sterben, gegen die kein Antibiotikum mehr wirkt, weil man es mit Keimen zu tun hat, die resistent gegen die meisten Antibiotika sind. Jedes Jahr sterben 33 000 Menschen in der EU, weil keines der Antibiotika mehr bei ihnen wirkt. Viel zu häufig werden Antibiotika auch dann eingesetzt, wenn nicht feststeht, ob es sie zur Heilung gebraucht hätte. Das fördert Resistenzen.

Nach wie vor werden auch große Mengen an Antibiotika in der Tierhaltung eingesetzt – sogar bei gesunden Tieren. Fast 90 Prozent der Antibiotika werden in Mastställen eingesetzt. In den Großställen ist es üblich, bei einem oder wenigen kranken Tieren, die ganze Gruppe medikamentös zu behandeln - etwa bei Mastgeflügel oder -puten.

So erhalten Tausende Tiere Antibiotika, die es nicht gebraucht hätten. Auch Reserveantibiotika, die letzten, die bei manchen Menschen noch wirken, werden eingesetzt. Je mehr davon verwendet werden, desto früher wirken sie nicht mehr, weil sich gegen sie Resistenzen bilden.

Zum Autor

Martin Häusling ist Bio-Milchbauer aus Nordhessen und seit 2009 Mitglied des Europäischen Parlaments. Dort ist er der agrarpolitische Sprecher der Fraktion Die Grünen/EFA.

Der Druck zur Turbomast führt dazu, Antibiotika wie Colistin einzusetzen, weil die Tiere es sonst nicht bis zum Schlachtalter schaffen. Wenn pro Tier nur noch ein winziger Gewinn erwirtschaftet wird, muss es die Masse bringen, egal wie. Ferkel in Intensivhaltungen werden viel zu früh von ihren Müttern getrennt und bekommen dann – vorsorglich (!) – Antibiotika, um den oft folgenden Durchfall zu vermeiden. Kälber werden im Alter von zwei Wochen durch halb Europa transportiert – auch hier werden vorsorglich Antibiotika verabreicht. Bei artgemäßer Haltung sind Tiere oft gar nicht auf Antibiotika angewiesen. Resistente Keime können von Tieren auf den Menschen übertragen werden. Durch direkten Kontakt, durch Lebensmittel mit resistenten Keimen oder durch indirekte Übertragung über die Umwelt.

Ein sorgsamer Umgang mit den besonders wichtigen Antibiotika, den Reserveantibiotika, die als einziges Mittel noch helfen können, wenn alle anderen aufgrund der Resistenzen versagen, ist deshalb lebensentscheidend. Wenn wir ihre Wirksamkeit erhalten wollen, müssen wir sehr viel restriktiver festlegen, wo und wann ihr Einsatz noch erlaubt ist.

Wir brauchen eine Liste, welche Reserveantibiotika ausschließlich der Humanmedizin vorbehalten bleiben müssen. Es muss ausgeschlossen werden, dass Reserveantibiotika ganzen Tierbeständen verabreicht werden. Lediglich eine Einzeltierbehandlung sollte in begründeten Einzelfällen noch erlaubt sein.

Dafür muss eine schwere, lebensbedrohliche Krankheit diagnostiziert worden sein, die bei unzulänglicher Behandlung zu schwerer Krankheit oder dem Tod führen könnte. Zucht auf Robustheit, alternative Managementstrategien und verbesserte Haltung müssen verpflichtend werden, um den Einsatz von Antibiotika generell in der Tierhaltung zu reduzieren.

So sehr es aktuell Tiermastbetrieben gegen den Strich gehen mag, dass sie möglicherweise einige Reserveantibiotika zukünftig aus ihrem Portfolio streichen müssen – die menschliche Gesundheit muss Vorrang haben vor ihren kurzfristigen wirtschaftlichen Interessen.

Ulrich Montgomery, Präsident des ständigen Ausschusses der Europäischen Ärzte, warnt: Ohne ein scharfes Umsteuern wird sich die Zahl der Toten durch multiresistente Keime drastisch erhöhen. Für Europa wird ein Anstieg auf jährlich 400 000 Tote prognostiziert, weltweit auf zehn Millionen bis 2050. Jedes Jahr. Damit würden dann mehr Menschen an multiresistenten Keimen sterben als an Krebs.

Wir sitzen bei Antibiotika alle in einem Boot. Hier heißt es schlau und vorausschauend zu agieren, wenn wir verhindern wollen, dass Antibiotika nicht mehr wirken. Die Einschränkung der Reserveantibiotika in der Tierhaltung ist mehr als dringend. Billigfleisch bezahlen viele sonst bald mit ihrem Leben!

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