Bitte deaktivieren Sie Ihren Ad-Blocker

Für die Finanzierung unseres journalistischen Angebots sind wir auf die Anzeigen unserer Werbepartner angewiesen.

Klicken Sie oben rechts in Ihren Browser auf den Button Ihres Ad-Blockers und deaktivieren Sie die Werbeblockierung für FR.de. Danach lesen Sie FR.de gratis mit Werbung.

Lesen Sie wie gewohnt mit aktiviertem Ad-Blocker auf FR.de
  • Zum Start nur 0,99€ monatlich
  • Zugang zu allen Berichten und Artikeln
  • Ihr Beitrag für unabhängigen Journalismus
  • Jederzeit kündbar

Sie haben das Produkt bereits gekauft und sehen dieses Banner trotzdem? Bitte aktualisieren Sie die Seite oder loggen sich aus und wieder ein.

Jeder dritte Mensch in Afghanistan hungert.
+
Jeder dritte Mensch in Afghanistan hungert.

Gastbeitrag

Afghanistan nicht allein lassen

  • VonMargarete Bause
    schließen

Jeder dritte Mensch in Afghanistan hungert. Das Land braucht also dringend Hilfe. Der Gastbeitrag.

Die Evakuierungsmissionen über den Kabuler Flughafen nach der Machtübernahme der Taliban sind seit fünf Wochen beendet. Die Mehrheit der Schutzbedürftigen wird Afghanistan nicht mehr verlassen können. Sie brauchen Unterstützung, und viele humanitäre Organisationen wollen sie auch leisten. Doch beide, Hilfebedürftige und Helfende, sind mit einer kollabierenden Wirtschaft und der Blockade von Hilfsprogrammen konfrontiert.

Als seien Instabilität und der Abbau von Menschenrechten, insbesondere von Frauenrechten, nicht genug: Afghanistan droht eine schwere Hunger- und Gesundheitskrise. Von den etwa 40 Millionen Afghaninnen und Afghanen sind 18,9 Millionen Menschen auf humanitäre Hilfe angewiesen, ausgelöst auch durch Folgen der Klimakrise wie Dürren und Ernteausfällen. Jeder dritte Mensch in Afghanistan hungert.

Das Welternährungsprogramm hat davor gewarnt, dass die Grundnahrungsmittel schon im Oktober ausgehen könnten. Durch die Covid-19-Pandemie droht das ohnehin schwache Gesundheitssystem zu kollabieren. Und das in einem Land, in dem nur 1,1 Prozent der Menschen geimpft sind und die Deltavariante zunimmt. Dies trifft gerade auch die Flüchtenden. Seit Beginn des Jahres wurden rund 570 000 Menschen innerhalb Afghanistans vertrieben. Und viele suchen Zuflucht in den Städten.

Wie andere Hilfsorganisationen hat auch das International Rescue Committee Deutschland (IRC) zugesagt, vor Ort zu bleiben. Doch dazu bedarf es der Rückendeckung der internationalen Gemeinschaft, allen voran Deutschlands und den anderen EU-Staaten. Bei der Geberkonferenz hat die internationale Gemeinschaft der Bevölkerung Afghanistans kürzlich mehr als eine Milliarde Dollar Hilfe zugesagt.

Die Bundesregierung stellt 100 Millionen Euro an Soforthilfe zur Verfügung, von weiteren 500 Millionen Euro ist die Rede. Das ist ein erster Schritt, aber Geld allein wird nicht reichen. Auf höchster diplomatischer Ebene muss Druck ausgeübt werden, vor allem in vier Bereichen, damit Hilfe die Menschen erreicht. Das afghanische Volk darf nicht alleingelassen, das Land nicht in die Isolation oder in Hände von anderen Mächten getrieben werden. Dem militärischen Rückzug darf nun kein diplomatischer folgen, denn damit würde der humanitäre Rückzug einhergehen.

Erstens braucht es weiter humanitären Zugang, damit Hilfsorganisationen in Afghanistan arbeiten können. Wir sind den Helfer:innen zu Dank verpflichtet, dass sie dort bleiben und weiter tagtäglich helfen. Neben den Nichtregierungs- und UN-Organisationen muss lokalen Partnern der Rücken gestärkt werden.

Zweitens müssen weibliche Angestellte von Hilfsorganisationen weiterhin das Recht haben zu arbeiten. Frauen und Mädchen stellen einen Großteil der Schutzbedürftigen dar. Ohne Mitarbeiterinnen von Hilfsorganisationen können sie nicht erreicht werden. Drittens sind Bargeldleistungen, eines der schnellsten Mittel in der humanitären Hilfe, nur möglich, wenn es Bargeld im Land gibt. Dafür braucht es Liquidität und offene Banken. Viertens ermöglichen offene Grenzübergänge, dass Schutzbedürftige sicher das Land verlassen können und lebensnotwendige Güter ins Land kommen können.

Unabhängig davon, was Hilfsorganisationen in den nächsten Monaten für die afghanische Bevölkerung leisten: Es gibt besonders Schutzbedürftige wie Journalist:innen und Frauenrechtsverteidiger:innen, die nicht mehr sicher sind. Kanzlerin Angela Merkel sprach von bis 40 000 afghanischen Ortskräften und Angehörigen, die auf eine Ausreise in die Bundesrepublik warten.

Nach dem massiven Versagen bei der Evakuierung und der bis heute anhaltenden Verantwortungslosigkeit im Umgang mit all denen, die unseren Behörden jahrelang geholfen haben, muss die Bundesregierung in großzügigem Umfang Resettlement-Plätze für Afghan:innen bereitstellen – und das zusätzlich zu entsprechenden Programmen der EU.

Pakistan und Iran haben bereits über zwei Millionen Afghan:innen aufgenommen. Die humanitäre Aufnahme von Schutzbedürftigen durch die EU und Deutschland ist auch eine wichtige Maßnahme, um Solidarität mit den Nachbarländern zu zeigen, die bereits die Mehrheit der afghanischen Geflüchteten aufgenommen haben. Deutschland darf sich der Übernahme von Verantwortung auch im eigenen Land nicht entziehen.

Margarete Bause ist Grünen-Bundestagsabgeordnete und Sprecherin für Menschenrechte und humanitäre Hilfe der Fraktion. Ralph Achenbach ist Geschäftsführer des International Rescue Committee Deutschland.

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare