Kolumne

Junges Gemüse

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Sie sind über 50 und fühlen sich manchmal alt? Dann gehen Sie einfach mal zu einer Gartenschau. Die Kolumne.

Seit ein paar Jahren verpasse ich keine Gartenschau. Ob Landes-, Bundes- oder Internationale Gartenschau: Ich bin dabei. Die Gründe für meine Begeisterung sind vielfältig. Natürlich liebe ich die bunten Blumen, selbstverständlich hüpft mein Herz beim Anblick der Mustergräber, unbedingt gleicht ein Kräutergarten eine ganze Woche voller deprimierender Nachrichten aus. Aber es gibt einen weiteren, sehr wichtigen Grund, den ich mir nicht eingestehen wollte, bis ich nach Wittstock an der Dosse kam, zur diesjährigen Landesgartenschau Brandenburg.

Die Dosse ist ein kleines Flüsschen, das so breit ist wie eine deutsche Dogge lang. Die Innenstadt von Wittstock gibt sich als eine dieser herausgeputzten ostdeutschen Altstadtperlen zu erkennen, die mit europäischer Regionalentwicklung und Aufbau Ost so lange restauriert wurden, bis alle Spuren von Gebrauch und Geschichte getilgt waren.

Die Fassaden funkeln um die Wette, die Straßen sind proper, die DDR hat es nie gegeben. Nur die Ruine einer alten Tuchfabrik steht der sandgestrahlten Vergangenheit im Weg, neben den Gräbern der Roten Armee natürlich, direkt vorm Bahnhof. Der Eingang zur Gartenschau ist gegenüber.

Für Hobbygärtner ist sie, was für die Hippies Woodstock war: das Versprechen auf eine bessere Welt. Alle Pflanzen scheinen immer anzuwachsen. Von Schnecken keine Spur. Die Apfelbäume tragen vorbildlich. Das Unkraut hat sich verzogen oder wurde als Beilage für den Salat neu entdeckt. Im Rasen findet sich keine Spur von Moos, und Klebkraut hat keinen Zutritt.

So muss das Paradies ausgesehen haben, denke ich mir: akkurat gepflegt und von unsichtbarer Hand aufgeräumt. Damals war Gott am Werk, heute sind es die Gärtner. Der Eintritt kostet auch nur 14 Euro und damit sehr viel weniger Geld, als man im Mittelalter auf den Tisch legen musste, um seine Sünden zu tilgen und in den Himmel zu kommen.

Begonnen hat es mit den Gartenschauen in Erfurt, im Jahr 1865. Dort wurde auch die erste regionale Gartenschau nach dem Zweiten Weltkrieg eröffnet. Ihr Motto war: „Kampf dem Hunger“.

Der wird in Wittstock am Bockwurststand geführt, wo es auch Schmalzstullen gibt und eine Erkenntnis in mir reift beim Blick in die Runde: Ich gehöre hier zu den Jüngsten. Der Altersdurchschnitt touchiert die Pensionsgrenze oder schießt darüber hinweg. Grau ist nicht nur die Haarfarbe der aktuellen Saison, sondern aller Saisons, die das Leben noch bietet. Kinder gelten als geduldete Exoten, die ins Treibhaus gehören, und zwar zack-zack.

Ich dagegen habe erst die magische 50-Jahre-Grenze überschritten, werde dennoch akzeptiert. Das tut gut, denn im Computer-Shop wollte mir neulich ein junger Springinsfeld erklären, wie man ein Smartphone anschaltet. Kind, habe ich ihm gesagt, ich kannte den Commodore noch persönlich.

Am Wurststand in Wittstock fiel es mir dann auch wie Schuppen von den Augen. Der wahre Grund für meine Gartenschau-Leidenschaft sind weder Tulpen und wilde Möhren noch der Fontane-Garten, sondern die Sehnsucht nach dem Gefühl, wieder jung zu sein. Hier, im Land der Rentner, darf meine Generation Teenager sein.

Die gute Botschaft im Jahr der frohen Kolumne lautet darum für mich und alle anderen Babyboomer: Es gibt nicht nur Wittstock, es gibt auch Heilbronn. Da hat die Bundesgartenschau ihre Pforten eröffnet. Ein Tag Aufenthalt, und schon sind wir in der Pubertät. Nichts wie hin! Geöffnet ist noch bis zum 6. Oktober.

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