Kolumne

Das Ganze denken

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Städte müssen anders entwickelt werden als bisher. Schulen etwa sollten Teil eines Stadtteilzentrums werden, das Sport mit Bildung und anderem verbindet.

Es ist eine Diskussionsrunde zur Entwicklung großer Städte, in der plötzlich eine Idee aufkommt. „Warum“, fragt eine Frau, „nicht über Bewegung nachdenken?“ Sie meint nicht Bewegung im Sinne von Protest und kritischem Impuls. Sondern Bewegung im Sinne von körperlicher Betätigung, bewegen im Alltag. Sie meint: Was man früher pauschal Sport nannte, könnte heute in einem umfassenderen Sinn zur Klammer werden fürs Zusammenleben in der Ego-Gesellschaft. Ein Querschnittsthema, über das sich die Stadtentwickler viel mehr Gedanken machen sollten.

Nun tut sich da in den Städten tatsächlich etwas. Immer mehr Leute steigen aufs Fahrrad oder gehen sehr bewusst Strecken zu Fuß. Bewegung ist – beispielsweise gesundheitspolitisch – weit über den klassischen Sport hinaus Thema geworden, ein gutes Geschäft für private Anbieter obendrein. So gesehen ist es längst etwas für die ganze Stadt. In besagter Diskussion reagieren die Sportvertreter hocherfreut. Sie sagen so etwas schon lange, wenn es auch meist sehr lobbyartig rüberkommt.

Für traditionelle Stadtplaner klingt das Rezept Bewegung immer noch sperrig, sie schauen eher süßsauer drein: wieder mal so ein Vorstoß, der prima klingt und doch quer liegt zur realen Verwaltungswelt. Bewegung? Da ist doch wohl das Sportamt zuständig. Nicht Experten von Bau, Verkehr oder Schule.

So ist das mit altem Denken, es hält sich. Aber wenn neuerdings wieder Schulen oder Kitas gebaut werden, müssten sie nicht mehr sein als nur Schulen oder Kitas? Geplant als Stadtteilzentren, mit Angeboten der Volkshochschulen, Räumen für Musiker, Räumen für Sporttreibende, Treffs für Junge und/oder Alte? Bauliche Konsequenzen hätte das – und personelle. Deshalb ist es so schwierig mit der Bewegung für alle.

Die Gegenrechnung: In der Verwaltung sind sie alle überarbeitet, haben keine Kraft und keine Zeit übrig. Die Ehrenamtler in Vereinen und Verbänden sind überaltert, es mangelt an Nachwuchs und erst recht an Leuten, die dauerhaft Verantwortung übernehmen. Wachsende Teile der Gesellschaft, zumal die mit Migrationsgeschichte und die Jüngeren, sind über die etablierten Strukturen kaum mehr erreichbar. Da sagt es sich so leicht: das Ganze denken, die alten Kästchen zurücklassen.

Ein Argument ist, dass diese Kästchen wenigstens noch Arbeitsfähigkeit garantieren. Doch Realität ist auch, dass die kreative Vielfalt in der wachsenden Stadtgesellschaft von den Sachwaltern dieser Kästchen kaum mehr widergespiegelt wird. Dass die Menschen anders ticken als die Ämter. Dass sie von sich selbst her denken und Angebote erwarten, mindestens mal Freiräume. Es lässt sich kaum mehr abgrenzen, was heute Sport ist, was noch nicht und was nicht mehr. Sport sei immer das, was die Leute dafür halten, hat gerade ein kluger Sportphilosoph gesagt. Umso wichtiger wird ein breiteres Herangehen an das Alltagsthema Bewegung, weit über Traditionssport hinaus. Und nicht nur durch Krankenkassen, weil die zu Präventionsprojekten verpflichtet worden sind.

Falls es irgendwann gelingt, Schulen oder Kitas nicht mehr nur als solche zu bauen, sondern als freier nutzbare Begegnungs- und Bewegungsorte, wäre weit mehr erreicht als eine bessere Bildungspolitik. Immerhin ist es der Vorteil großer Städte, dass sich dort das Leben immer neue Schneisen schlägt. Genau deshalb sind sie so attraktiv. Die Idee mit der Bewegung als Klammer: Sie könnte etwas bewegen. Aber nur, wenn alle sich bewegen.

Richard Meng ist freier Autor und Kuratoriumsvorsitzender der Karl-Gerold-Stiftung.

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