Kolumne

Gähnende Lehre

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Was die Politik so alles tut, um Menschen aller Art zum Unterrichten in die Schulen zu locken.

Wenn ich während der deutschen Schulferien durch Italien reise, kann ich mir eigentlich gar nicht vorstellen, dass in Deutschland Lehrermangel herrschen soll. An den Frühstückstischen neben mir sehe ich den jedenfalls nicht. Als Lehrerkind weiß ich aber auch, woran man Menschen mit diesem Beruf auf Anhieb erkennt: Sie erzählen es einem. Sofort. 

Ich glaube, niemand redet so viel über den Job wie Lehrerinnen und Lehrer. Wenn man ihnen dennoch mal zuhört, versteht man den Mangel an Lehrkräften ganz gut. Es ist ein Knochenjob. Ich selbst habe ein Lehramtsstudium erfolgreich abgebrochen und danke mir jeden Tag dafür.

Die Zahlen für das laufende Schuljahr sind allerdings so haarsträubend, dass sie sich nicht nur durch entnervte Studienabbrecherinnen erklären lassen. Exemplarisch genannt sei hier die Situation an Grundschulen in Berlin. Von den 1240 neu eingestellten Grundschullehrerinnen und -lehrern sind nur 180 optimal dafür ausgebildet. Der Rest sind Quereinsteiger oder Fachfremde.
Der Lehrermangel ist in etwa so überraschend über das Land gekommen wie die jährliche Erinnerung meines Steuerberaters, ihm im Oktober bitte endlich alle Unterlagen für die Einkommensteuererklärung zu geben. Man hätte sich durchaus schon ein bisschen früher darum kümmern können, um es mal so zu formulieren. 

Geburtenzuwachs, Pensionierungswelle und erhöhter Personalaufwand waren nicht nur in Berlin abzusehen. Trotzdem wurden die Ausbildungskapazitäten nicht erhöht. Aber während ich unter Druck dann doch beginne, alle Belege ordnungsgemäß zusammenzusammeln, sieht die Strategie Berlins ein bisschen anders aus. Kreativer, wie ich nicht ganz neidlos zugeben muss.

Berlin hätte natürlich wie die meisten anderen Bundesländer einfach wieder zur Verbeamtung der Lehrkräfte zurückkehren können. Aber wir sind ja nicht Brandenburg, sondern die Kreativhauptstadt. Da kann man schon einmal andere Wege gehen.

Der Senat ließ deshalb zunächst das Lehrergehalt erhöhen, dann warb man um Quereinsteiger, dann um Lehrer aus Österreich und den Niederlanden, weil die ja immerhin so ähnlich klingen. Man schleppte pensionierte Lehrerinnen quasi vom Frühstückstisch in Italien zurück in Pankower Realschulen und heuerte jeden Studierenden an, der das große Einmaleins beherrscht, ohne zu googeln.

Es reichte aber immer noch nicht zur vollständigen Bedarfsabdeckung. Nun wurde eine neue Idee verkündet, um mehr Menschen ans Lehrerpult zu bekommen. Studierende der naturwissenschaftlichen Fächer sollen ein Stipendium in Höhe von monatlich 500 Euro erhalten, wenn sie zusätzlich noch ein Lehramtsstudium beginnen und sich danach für ein paar Jahre im Berliner Schuldienst verpflichten. 

Ob jemand für die paar Kröten nun lieber desinteressierten Teenagern Diffusion und Osmose erklärt, statt in einem internationalen Biotech-Startup anzuheuern, werden wir sehen. Bei aller Kritik möchte in an dieser Stelle aber mal den Ideenreichtum der Hauptstadt loben. Wenn hier irgendwas funktioniert, dann Mangelverwaltung. 

Als nächsten Schritt kann ich mir eigentlich nur noch vorstellen, dass der Senat mit den landeseigenen Wohnungen wuchern wird: 3 ZKB im Tausch für 28 Wochenstunden. Für eine Wohnung in Berlin tun Menschen heutzutage alles. Sogar unterrichten. 

Katja Berlin ist Autorin.

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