Sigmar Gabriel (SPD) hat alle überrascht.
+
Sigmar Gabriel (SPD) hat alle überrascht.

SPD-Kanzlerkandidatur

Gabriels diktatorischer Putsch

  • Brigitte Fehrle
    vonBrigitte Fehrle
    schließen

Sigmar Gabriels Coup ist eine selbstgestrickte Legende. Innerparteiliche Demokratie sieht jedenfalls anders aus. Die Kolumne.

Wie verzweifelt muss eine Partei sein, wenn sie sich das bieten lässt? Wie aussichtslos erschien der SPD ein Wahlerfolg mit ihrem Vorsitzenden Sigmar Gabriel, wenn sie, die ja die Demokratie im Namen trägt, einen diktatorischen Putsch mit vorherigem Machtmissbrauch freudig begrüßt? Denn nichts anderes hat Gabriel seiner Partei zugemutet. Er hat sie monatelang mit fragwürdigen Begründungen in einen Zeitplan gepresst, der nur einer Logik folgte: seiner eigenen. Alleinherrschend hat er seine Entscheidung vorbereitet, sie mittels Medien verkündet und damit alle überrumpelt, die er vorher zu eiserner Disziplin verpflichtet hatte.

Innerparteiliche Demokratie sieht anders aus. Und vom sprichwörtlichen „Mitnehmen“ kann keine Rede sein. Es ist enorm, dass der ja angeblich so schwache Sigmar Gabriel herrschen kann – zumindest in seinem Abgang – wie es sich Erdogan und Putin nur wünschen: Kanzlerkandidat bestimmt (Schulz), Parteichef bestimmt (Schulz), Wirtschaftsministerposten vergeben (Zypries), Außenminister ins Amt gesetzt (sich selbst). Alles unter Ausschluss der Öffentlichkeit, der Kanzlerin, des Koalitionspartners, seines Parteivorstandes.

Und da gibt es keinen Aufschrei in der SPD? Nicht mal ein leises Wimmern ist öffentlich zu hören. Im Gegenteil. Da ist von „Respekt“ die Rede, von „Größe“ und dass Gabriel die eigenen Interessen hinter die der Partei gestellt habe. Falsch. Gabriel hat monatelang seinen eigenen Interessen öffentlich zelebriert und sie damit vor die Parteiinteressen gestellt.

Zelebrierte Eigeninteressen

Seine Frau, seine Kinder, das Leben in Goslar, die schwere Kindheit. Niemals zuvor hat ein Spitzenpolitiker seine inneren Nöte in dieser Weise vor dem Volk ausgebreitet. Vielleicht glaubte Gabriel, das bringe ihm Sympathien. Es wäre seltsam. Denn das Reden über die Zerrissenheit zwischen Familie und Beruf, die sich ein Gabriel leisten kann, ist purer Luxus. Kein Putzmann in Nachtschicht kann sich erlauben, so etwas auch nur zu denken. Und die Zeiten, in denen die Leute „denen da oben“ etwas durchgehen lassen, sind vorbei.

Ich gebe allerdings zu, auch ich war kurzfristig irritiert. Gabriels Satz aus dem Interview mit dem Stern: „Was ich geben konnte, hat nicht gereicht“, hat mich beeindruckt. Ein sehr weiblicher Satz. Ein Satz, der Selbstkritik ausdrückt, der Selbstreflektion suggeriert, ein sympathischer Satz. Nur: Er passt nicht zu dem real handelnden Gabriel. Man kann sicher sein, dass er lange nachgedacht hat. Und gerade deshalb ist dieser Satz nichts anderes als der Beginn einer selbstgestrickten Legende. Der Legende des aufopferungsvollen Parteichefs, dem der Erfolg der Partei über alles geht.

Man kann es nämlich auch anders sehen: Gabriel ist mit allem, wofür er vor sieben Jahren angetreten ist, gescheitert und hat jetzt lediglich die Reißleine gezogen. Das mag ungerecht sein angesichts seiner Qualitäten, seiner Haltung, seiner Anstrengung, seinem Kampfgeist und was noch alles mehr. Aber es ist so. Ob Gabriels eigener Deutungsversuch stark genug ist, in die Geschichte der Sozialdemokratie einzugehen, und ob die Partei diese autoritäre Behandlung kritiklos schluckt, wird die Zeit zeigen. Es ist der SPD um ihrer eigenen Wahrhaftigkeit willen nicht zu wünschen.

Brigitte Fehrle ist Autorin.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare