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Kolumne

Am Futtertrog der Nation

  • Michael Herl
    VonMichael Herl
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Weil wir alle verachten, die in unserem System versagen, schauen wir Schund-TV. Das kann fatale Folgen haben.

Eigentlich ist der Mensch ja einfach gestrickt und in vielen Dingen nicht anders als die meisten anderen Säugetiere. Man nehme nur einmal den Futterneid. In der Regel nämlich gönnen wir unseren Nächsten ja nicht mal das Schwarze unter den Fingernägeln. Für dieses Verhalten gibt es zwei Gründe: den Neid und die Missgunst. Sie werden oft in einem Topf geworfen, sind sich jedoch grundverschieden. Missgünstler wünschen dem anderen alles Schlechte, ohne Ansehen der eigenen Person. Sie sind schlicht böse. Neider hingegen sind arme Würmer. Sie sehen Mitmenschen genießen und ergießen sich in Selbstmitleid, wenn sie selbst das nicht können.

Ein Beispiel ist die Beliebtheit. Manche sind beliebt, ohne viel dafür zu tun. Sie strahlen womöglich Wärme aus, Empathie, Uneigensinn, Souveränität und Größe, ohne andere dafür schrumpfen zu lassen. Das kommt an. Andere wären gerne so, sind es aber nicht. Also vollführen sie wildes Getue, um auf sich aufmerksam zu machen. Neuerdings geht dies leicht, denn es gibt Facebook. Dort können sie sich der restlichen Welt in vermeintlich bester Post präsentieren. Vor untergehender Sonne auf Bali, auf schneebedeckten Gipfeln im Alpinen, zusammen mit coolen Leuten oder feinsten Speisen. Sie schreien ins Virtuelle hinein: „Seht her, wie toll ich bin! So liebt mich doch bitte endlich!“ Meistens ohne Erfolg. Sie ernten nur Mitleid.

So tut es nicht Wunder, wenn sie ihrerseits Opfer suchen, auf denen sie ihre erlittene Schmach abladen können. Sie suchen sich dafür noch Schwächere, noch ärmere Schweine. Dabei helfen mittlerweile private Fernsehsender. Sie geben gescheiteren Existenzen ein paar tausend Euro, stecken sie in ein lausiges Lager, lassen sie dort Kakerlaken fressen und zum Gespött der Nation werden. Das ist prima, das bringt Quote – erst recht, wenn sie die Kakerlaken nicht fressen, sondern mit einem Weinkrampf zusammenbrechen. Im Versagen also noch mehr versagen.

Den Fernsehsendern ist deswegen kein Vorwurf zu machen. Die senden nur, was die Leute sehen wollen. Und die Leute wollen sehen, wie andere scheitern, um sich selbst dabei größer zu fühlen. Darauf fußt schließlich unser gesamtes System, wir nennen dies nonchalant „Leistungsgesellschaft“.

Am Futtertrog ergattern die Stärksten die größten Brocken – womit wir wieder beim Vergleich mit den anderen Säugetieren wären. Und wer schon als Winzling schwächelt, wird auch später nichts taugen. Beispiele dafür gibt es an jeder Ecke. Man sehe nur in eine stinknormale Grundschule in einer besseren Gegend (dass es so etwas gibt, spricht ja auch schon Bände). Dort werden mittlerweile schon Sechsjährige gehänselt, wenn sie bei der Einschulung noch nicht Lesen und Schreiben können. Brauchen wir uns da zu wundern, dass die sich nun erst recht schwer tun mit dem Lernen?

Solange wir nicht in der Lage sind, die Stärken jener zu erkennen, die nicht in unser gut geöltes System passen, solange wir sogar Freude am öffentlichen Zurschaustellen vermeintlicher Versager haben, brauchen wir uns nicht zu wundern, wenn unsere jungen Leute sich den Heilslehren obskurer Hassprediger zuwenden, die mit dem Islam so viel zu tun haben wie das Christentum mit der Toleranz. So was kommt nämlich von so was.

Michael Herl ist Autor und Theatermacher.

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