Kolumne

Fußball-Fasten

  • schließen

Ich habe mir fünf Jahre Stadionverbot erteilt. Beim Fußball gibt es zu viele Nazis, zu viel Geld, zu viele durchgeknallte Fans, zu viel Verlogenheit.

Fußball ist eine tolle Sache. Im Weserstadion in Bremen erlebte ich als Kind mein erstes Spiel gegen Bayern München. Aus dem Bremer Fanblock flog ein Becher in den Fanblock der Münchner. Es sah zuerst nach Bier aus, war aber Urin. Hinter mir schrie jemand gleichzeitig, der Schiri sei eine Fotze. Als ich meine erwachsene Begleitung fragte, was das Wort bedeute, hieß es, das müsse ich noch nicht wissen. Fußball ist wirklich eine tolle Sache.

Neulich, als ich bei Hertha BSC im Olympiastadion war, rief ein Zuschauer in der Berliner Fankurve, man solle den Neger vom Feld nehmen. Er meinte damit Salomon Kalou, der gerade eine Chance versemmelt hatte. Ich drehte mich zu dem Mann um und sagte ihm, er möge seine Ausdrucksweise ändern. Er antwortete, das sei doch nur Spaß. Natürlich: nur Spaß. Gesichter im Fadenkreuz, Affenlaute, Fotze: alles nur Spaß, dieser Fußball.

Vor allem für Menschen mit Geld. Russische Oligarchen kaufen ganze Vereine, arabische Scheichs kaufen ganze Vereine, Sponsoren polieren ihren Ruf auf mit ganzen Vereinen, Aktionäre streben nach Gewinnmaximierung mit ganzen Vereinen.

Bei Union Berlin, dem authentischen Verein von ganz unten, wo Schweiß noch Schweiß ist, heißt der Sponsor Aroundtown. Dabei handelt es sich um ein Immobilienunternehmen, dessen Firmenstruktur so durchschaubar ist wie eine Kelle pürierte Kartoffelsuppe mit Einlage.

Aroundtown ist der viertgrößte Besitzer von Gewerbeimmobilien in Europa und unter anderem beteiligt an Grand City Properties, eine Firma, die wiederum etwa 85 000 Wohneinheiten besitzt, viele davon in Berlin. Die Firma kauft sanierungsbedürftige Wohnungen, saniert sie, um sie teuer zu vermieten oder zu verkaufen.

Sollte ein Union-Fan demnächst ins Umland von Berlin ziehen müssen, weil die Miete gestiegen ist, könnte er vor zwei Alternativen stehen: sauer sein auf den Vermieter oder sich freuen über das Geld, mit dem ein neuer Spieler eingekauft wird.

Wer heute noch an den echten Fußball glaubt, kernig und dreckig, Traditionsclub und Malocherkultur, hat den Schuss nicht gehört, obwohl das Pferd längst tot ist. Sich als Fan von Union oder auch von Bayern München – mit den Sponsoren Telekom, Audi, Allianz – oder Dortmund – Evonik und Signal Iduna – sich darüber aufzuregen, das andere Vereine – Hoffenheim, Leipzig – mit Geld aufgepäppelt werden, ist so absurd wie die Hoffnung, dass eine Firma wie Aroundtown aus lauter Gutmütigkeit in Deutschland Steuern zahlt. Wer den Spuren der Firma folgt, stößt schnell auf mehrere hundert GmbHs auf Zypern. Die Insel gilt als Schattenfinanzplatz, wo man vergeblich nach Eigentümern sucht.

Gegen Aroundtown ist Dietmar Hopp, der Mäzen von Hoffenheim, ein seriöser Kerl, der sein ehrlich verdientes Geld in einen Verein steckt, der oft guten Fußball spielt. Wer in ihm die Verkörperung der Kommerzialisierung des Fußballs sieht, sollte sich an die eigene Nase fassen oder in den Spiegel sehen, wo womöglich eine der hässlichsten Eigenschaften des Menschen zurückblickt: der blanke Neid.

Hopps Gesicht aber in ein Fadenkreuz zu setzen, wie es einige „Fans“ gemacht haben, ist in Zeiten, in denen einige Männer nach Gründen für einen Amoklauf suchen, nichts weiter als ein Mordaufruf, der bestraft werden muss.

Ich habe mir fünf Jahre Stadionverbot erteilt. Zu viele Nazis, zu viel Geld, zu viele durchgeknallte Fans, zu viele Choreographien, zu viel Verlogenheit. Fußball war eine tolle Sache.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare