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Ex-Boxer Graciano Rocky Rocchigiani mit Ulrich Bittner, der Präsident des Boxrings Hanau.

Graciano Rocchigiani

Das Funkeln im Auge Rockys

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Der verstorbene Boxer Rocchigiani hat viel einstecken müssen. Er ist aber immer wieder aufgestanden. Die Kolumne.

Als vor einigen Wochen die Nachricht vom Unfalltod des Boxers Graciano Rocchigiani bekanntwurde, musste ich unweigerlich an unsere früheren Begegnungen denken. Wir hatten uns nicht kennengelernt, aber doch gegenseitig wahrgenommen. Rocky – keine Ahnung, ob er damals schon so genannt wurde – trainierte in einem Camp am Kottbusser Damm, auf der Grenze zwischen den Berliner Bezirken Kreuzberg und Neukölln. Gegenüber dem Trainingsquartier befand sich ein kleiner „Italiener“, bei dem ich gelegentlich das Angebot eines Mittagsmenüs wahrnahm.

Gleich bei einem meiner ersten Besuche hielt Rocky im hinteren Teil des Restaurants Hof. Er hatte eine Entourage um sich herum gebildet, womöglich andere Boxer, Sparringspartner, aber auch mehrere junge Frauen. Rocky flirtete mit der Bedienung, erteilte Anweisungen, hörte sich an, was andere ihm mitzuteilen hatten. Wenn Rocky etwas brauchte, sprang ein anderer auf, um es zu holen.

Den Fremden, der gerade an einem der vorderen Tische Platz genommen hatte, taxierte Rocky mit seinem Blicken ganz genau. Graciano Rocchigiani war, wie ein Boxer im Ring, immer in Bewegung. Er kontrollierte mit wachem Blick das Geschehen, als käme es darauf an, eines der wichtigsten Kampfprinzipien auch auf den Alltagsraum auszudehnen.

Ich bemerkte, wie er mich beobachtete, und er wusste, dass ich es bemerkte. Das änderte sich auch in den nächsten Tagen nicht, wenn ich mich wieder einmal für eine Portion „Spaghetti Frutti die Mare“ entschieden hatte.

Längst war ich neugierig darauf, ob Rocky wieder da war. Das ging wohl ein paar Wochen so, vielleicht sogar Monate. Seine Aufmerksamkeit für mich ließ allerdings nicht nach, obwohl er inzwischen registriert haben musste, dass ich jemand war, der nun öfter kam.

Näher kamen wir uns jedoch nicht. Er hatte nicht das geringste Interesse an mir, sein Blick traf mich bloß, weil ich seine Zone betreten hatte, die er unter Kontrolle bringen musste. Habituell glich er einem mittleren Clan-Chef, der seine Macht täglich zur Schau stellen muss, um sie zu erhalten.

Graciano Rocchigiani war zu der Zeit zweifellos ein erfolgreicher Boxer. Wie hätte ich sonst wissen können, wer er ist? Aber er war noch nicht so berühmt wie nach den Kämpfen gegen Henry Maske, bei denen er meinte, betrogen worden zu sein. Wahrscheinlich war es so, der Underdog durfte den Helden der deutsch-deutschen Einheit nicht vom Thron fegen.

Wann immer Rocky später in Erscheinung trat, tauchte sein wacher, konzentrierter Blick vor meinem geistigen Auge wieder auf. Er hatte so überlegen gewirkt. Körperliche Fitness macht attraktiv, aber sie vermag nicht ewig über andere Defizite hinwegzutäuschen. Das Charisma, das ich in seinen Augen meinte gesehen zu haben, war dem Image gewichen von einem, der Prügel bezieht und anschließend wieder aufsteht.

In manchen Lebenssituationen muss sich Graciano Rocchigiani richtig dumm angestellt haben. Er war im Gefängnis. Er lebte von Hartz IV, Sie haben das alles sicher gelesen. Und doch, wenn man genau schaute in dieses zerfurchte, aufgedunsene Gesicht, das die Prügel, die Rocky so lange bezogen hatte, nicht verbarg, dann war da immer noch dieses Funkeln.

Harry Nutt ist Autor. 

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