In den USA geht der Kampf um einen Wandel und gegen Rassismus und Polizeigewalt weiter.
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In den USA geht der Kampf um einen Wandel und gegen Rassismus und Polizeigewalt weiter.

Rassismus

Wie der Protest der Athleten die USA verändern kann

  • Marina Kormbaki
    vonMarina Kormbaki
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Die Proteste und der Boykott von Athleten gegen die Gewalt gegen Schwarze können die USA verändern.

Jacob Blake hat überlebt. Trotz der sieben Schüsse, die ein weißer Polizist aus nächster Nähe in den Rücken des Afroamerikaners feuerte, klammert sich der 29-Jährige ans Leben. Dies ist eine der wenigen guten Nachrichten dieser Tage aus den USA. Sie macht den Aktivistinnen und Aktivisten der „Black Lives Matter“-Bewegung Hoffnung, ebenfalls weiterzumachen. All der Gewalt, des Hasses und der Verleumdungen zum Trotz.

Für heute rufen sie zum Protest nach Washington. Der Einsatz der Bürgerrechtler ist wichtiger denn je. Denn von der gegenwärtigen Führung ihres Landes haben sie nichts zu erwarten. Statt dazu beizutragen, die gefährliche Spaltung innerhalb der US-Gesellschaft zu überwinden, treibt Präsident Donald Trump den Keil immer tiefer. Kein Wort der Anteilnahme, kein Wort der Anerkennung kommt ihm für Amerikas Schwarze über die Lippen, die des alltäglichen Rassismus überdrüssig sind. Stattdessen entsandte er hochgerüstete Trupps zur Niederschlagung von Protesten nach dem Tod von George Floyd, der unter dem Knie eines weißen Polizisten erstickte.

Trump ist, so hat es der afroamerikanische Autor Ta-Nehisi Coates treffend geschrieben, der erste weiße Präsident Amerikas. Gemeint ist nicht das Aussehen, sondern die Gesinnung des Präsidenten, der in seiner Zeit als New Yorker Immobilienmogul nicht an Schwarze vermietete.

Trump stellt die „Black Lives Matter“-Bewegung als kriminelle, linksradikale Macht dar. Er dämonisiert sie. Seine Attacken bedienen die tief sitzenden Ressentiments seiner Kernwählerschaft. Wen wundert es da noch, wenn jener weiße 17-Jährige, der am Dienstag in Kenosha mit einem Gewehr mutmaßlich zwei Teilnehmer der Proteste in Blakes Heimatstadt Kenosha erschoss, laut seinen social-media-Profilen Trump-Fan ist.

Breonna Taylor, George Floyd, Jacob Blake: „Say their names“, fordern die Bürgerrechtler auf Kundgebungen und rufen zur Nennung der Namen jener auf, die Opfer von Polizeigewalt wurden. Es ist eine Geste des Respekts, der Sichtbarmachung eines jeden Einzelnen.

Doch die Namen stehen nicht allein für ihre Träger. Sie sind zugleich Chiffren für Ausgrenzung, Ausbeutung und Unterdrückung – kurzum: für die Erfahrung von physischer und gesellschaftlicher Gewalt, die tief eingeschrieben ist in die Geschichte der Schwarzen Amerikas und ihre Biografien.

Stärker denn je wird sich Amerika in diesem Moment, unter dem weißen Präsidenten Trump, seines rassistischen Erbes bewusst. Es muss sich mit dem historischen Fakt auseinandersetzen, dass viele seiner Gründerväter und Helden Sklavenhalter oder Profiteure von Sklavenarbeit waren.

Und dass aus jener Zeit eine direkte Linie zur Ära von Rassentrennung und zum heutigen System der Masseninhaftierung von Afroamerikanern führt. So schmerzvoll dieser historische Moment ist, birgt er doch auch eine aufmunternde Botschaft. Denn dass es jetzt endlich so weit ist, ist der längst überfälligen Solidarität von Weißen zu verdanken – vor allem aber einem neuen Selbstbewusstsein Schwarzer.

Der jüngste, in seiner Wirkung noch gar nicht zu ermessende Ausdruck dieses Selbstbewusstseins ist der Spielboykott im US-Profisport. Aus Protest gegen die Polizeischüsse auf Jacob Blake weigerten sich die Basketballspieler der Milwaukee Bucks am Mittwoch, zum Spiel gegen Orlando Magic aufs Feld zu kommen. Athleten aus der gesamten Basketballliga, der Baseball- und der Fußballliga taten es ihnen gleich.

Die Sportlerinnen und Sportler haben recht: Es ist jetzt nicht die Zeit für Spaß, Spiel und Unterhaltung in Amerika. Nichts darf vom schicksalhaften Moment ablenken, in dem sich das von der Corona-Pandemie zerfurchte Land jetzt, zwei Monate vor der Präsidentschaftswahl, befindet.

Der Protest der Athleten ist ein starkes Signal des Widerspruchs gegenüber der politischen Führung der USA. Sie berichtigen das rosige, goldgerahmte Zerrbild, das die Republikaner auf ihrem Parteitag vom Land unter der Führung Trumps zeichnen.

Protest und Gesten können viel bewegen. Die Zukunft Amerikas entscheidet sich aber nicht auf der Straße, sondern bei den Wahlen im Herbst. Viel hängt davon ab, ob die Bürgerrechtler mit den US-Demokraten den Frust in Wählerstimmen umwandeln können.

Nach den Schüssen auf den Afroamerikaner Jacob Blake nehmen die Ausschreitungen in Kenosha im US-Bundesstaat Wisconsin weiter zu. Durch einen Besuch von Donald Trump könnte die Lage eskalieren.

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