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Atompilz nach dem ersten Test einer Atombombe im Bikini-Atoll.

Kolumne

Früher war nicht alles besser

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Früher war alles besser? Nein, das war es nicht. Aber vieles war besser - warum haben wir das Gute schlechter werden lassen? Die Kolumne.

Eigentlich geht es uns Deutschen ja besser als je zuvor. Wir leben länger, reisen mehr, haben uns mit unseren europäischen Nachbarn vereint, rauchen kaum, tragen atmungsaktive Jacken, sind nicht mehr kriegslüstern, vermehren uns heftig, kriegen unser Essen ins Haus geliefert und müssen unsere Brut bei Lausbefall nicht mehr kahlscheren. Außerdem wracken wir unsere Atomkraftwerke ab, trennen unseren Müll, teilen unsere Autos, kaufen in Biomärkten, spenden an Weihnachten für Tiere und Kinder und fahren elektrisch Rad. Das alles und noch viel mehr war früher nicht so.

Andererseits fuhren früher die meisten von uns kleine, leichte Autos mit geringem Verbrauch, Mülleimer waren fünfmal kleiner als heute (und reichten aus), Salatköpfe und Fische wurden in Zeitungspapier verpackt, Brillen zahlte die Kasse, Kinder gingen zu Fuß zur Schule, Fleisch gab’s einmal die Woche und Lachs nur an Weihnachten, Flugreisen und Kreuzfahrten waren etwas für Millionäre, Züge preiswert und pünktlich und brachten uns nonstop quer durch Europa sowie ins letzte Nest der Republik.

Außerdem verfügten sie über ein ausgeklügeltes, energiesparendes Air-Conditioning-System, nämlich zu öffnende Fenster. „Jute statt Plastik“ war mehr als nur ein alberner Slogan, Päckchen und Pakete wurden pünktlich von gerecht besoldeten Menschen zugestellt, Briefkästen standen an jeder dritten Ecke und wurden sogar sonntags geleert, und Mieten waren bezahlbar und bescherten Hausbesitzern dennoch gute Gewinne. Läden und Lokale wurden von deren Inhabern geführt und waren keine Filialen weltumspannender Ketten.

Kaufhäuser konnten kostendeckend arbeiten, weil sie keinen Investoren gehörten, die fette Gewinne erwarten, was für Bahn und Post gleichermaßen galt. Sogar die Renten waren sicher, weil das Geld, das dafür eingenommen wurde, auch dafür ausgegeben wurde.

Die Menschen vertrugen Milch und sogar Weizen, weil er nicht hochgezüchtet und genmanipuliert war und aus der Ukraine kam, sondern naturbelassen von Bauern um die Ecke, deren Betriebe sich lohnten, weswegen die Strukturen auf dem Land noch intakt waren und die Menschen nicht in die überfüllten Ballungszentren trieb.

Sie werden sagen, das ist nun wieder die alte Leier von wegen „Früher war alles besser“. Nein, denn das war es nicht. Das Land strotzte vor Atomraketen, die Flüsse waren verdreckt und die Städte so autogerecht, dass es an Wahnsinn grenzte. Dennoch war vieles besser.

Aber wieso haben wir das Gute nicht bewahrt und verbessert, sondern vieles sogar verschlechtert? Warum treiben wir immer mehr Menschen in die Armut, verseuchen die Meere mit Plastik, rotten Vögel und Insekten aus? Wir hätten es doch kommen sehen müssen.

Wir als moderne, pfiffige und hochtechnisierte Gesellschaft. Wieso haben wir es nicht verhindert und tun es immer noch nicht konsequent? Weil die daran schuld sind, die daran verdienen. Gewiss. Das war schon immer so. Aber „wir“, das sind erst mal jede und jeder Einzelne von uns. Denn jeder nicht verwendete Kaffeebecher hilft, jedes nicht gekaufte Discounterschnitzel und jede nicht gebuchte Kreuzfahrt sowieso. Und sind wir mit uns einigermaßen im Reinen, sollen gerne die Profiteure drankommen. Dann aber auf sie mit Gebrüll!

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