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Kleinkinder mit Betreuerin: Schon bald auf dem Weg zur Vorschule?
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Kleinkinder mit Betreuerin: Schon bald auf dem Weg zur Vorschule?

Vorschulpflicht

Früh übt sich ...

  • vonTobias Peter
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Vorschulpflicht für Dreijährige: Was in Frankreich geht, erscheint für Deutschland eher utopisch. Aber wäre es nicht sinnvoll? Der Leitartikel.

Pippi Langstrumpf, die fantastische Kinderbuch-Figur von Astrid Lindgren, verkörpert bis heute ein Idealbild von der Kindheit, das sich in vielen Köpfen wiederfindet. Es ist das Bild von der absoluten Freiheit. Während die Nachbarskinder Thomas und Annika zur Schule gehen müssen, striegelt Pippi ihr Pferd, zieht ihrem Äffchen Herrn Nilsson einen Anzug an oder schlägt nacheinander bis zu 43 Purzelbäume.

Für den französischen Präsidenten Emmanuel Macron hätte Pippi Langstrumpf wahrscheinlich wenig übrig. Sie wäre vermutlich heilfroh, nicht in Frankreich zu leben, schon gar nicht in diesen Tagen. Denn Macron hat gerade angekündigt, dass die Vorschule in Frankreich ab September für alle Drei- bis Fünfjährigen verpflichtend sein soll. Damit verlängert er faktisch die Schulpflicht um drei Jahre.

Das sieht nach einem drastischen Schritt aus. Noch nie hat ein französischer Präsident die Schulpflicht so stark verlängert – einerseits. Andererseits bedeutet die Vorschulpflicht für die meisten tatsächlich gar keine spürbare Veränderung. Denn 97 Prozent der Kinder eines Jahrgangs in unserem Nachbarland besuchen schon jetzt die Vorschule. Vor allem aber gilt: Es gibt sehr gute Argumente für die Vorschulpflicht, auch schon im Alter von drei Jahren. 

Kleine Kinder sind neugierig 

Die schönsten Pflichten sind diejenigen, die einem gar nichts ausmachen: Kleine Kinder sind neugierig, lernwillig und wissbegierig. Sie entdecken die Welt wie kleine Forscher – und sie freuen sich, wenn sie dabei anregende Unterstützung erhalten. Es ist fahrlässig, diesen Drang nicht schon frühzeitig zu nutzen. Die Pubertät, in der mancher keinen Bock mehr auf Lernen hat, kommt schnell genug.  

Aber besteht nicht trotzdem die Gefahr, schon Dreijährige zu überfordern? Was ist, wenn dadurch ihr Verhältnis zur Schule und zum Lernen für immer beschädigt wird? In der Tat: Wenn man die Sache grundlegend falsch angeht, ist eine solche Katastrophe möglich. Die Lösung für das Problem ist ganz einfach: Es richtig machen – mit pädagogisch gut durchdachten Konzepten zum spielerischen Lernen. 

Ein Schritt zu mehr Bildungsgerechtigkeit  

Das entscheidende Argument für ein frühes, nach Möglichkeit verpflichtendes Angebot ist die Bildungsgerechtigkeit. Gerade wer aus schwierigen sozialen Verhältnissen kommt und zu Hause nicht optimal gefördert werden kann, profitiert.

Genau das ist ein Grund dafür, dass auch Deutschland überlegen muss, wie es die frühkindliche Bildung verbessern kann: Nach dem katastrophalen Abschneiden bei der Pisa-Studie im Jahr 2001 hat sich Deutschland zwar bei internationalen Bildungsvergleichen wieder ins solide bis gute Mittelfeld vorgearbeitet. Doch der Abstand zu Pisa-Spitzenreitern wie Singapur und Finnland ist groß geblieben. Insbesondere aber ist uns ein Problem erhalten geblieben: In Deutschland ist der Bildungserfolg eng an den sozialen Hintergrund gekoppelt, viel stärker als in anderen Ländern. Das ist zutiefst ungerecht.

Kinder mit Migrationshintergrund profitieren besonders  

Extrem wichtig ist eine gute Förderung insbesondere für diejenigen, bei denen zu Hause gar kein Deutsch gesprochen wird. Das Risiko von jungen Menschen mit Migrationshintergrund, das deutsche Bildungssystem am Ende mit sehr schlechten Fähigkeiten zu verlassen, liegt zweieinhalb Mal so hoch wie im Rest der Bevölkerung – wie eine Sonderauswertung der Pisa-Studie vor kurzem ergeben hat.

Je früher mögliche Sprachprobleme angegangen werden, desto besser. Frühkindliche Bildung allein ergibt noch keine gute Integration. Aber sie ist ein entscheidender Faktor. Sollte Deutschland also dem französischen Präsidenten nacheifern und ebenfalls eine Vorschulpflicht einführen? Ja, in der Sache wäre das nur logisch. Allerdings sind in einem föderalen System wie dem unseren solche Entscheidungen leider viel schwieriger zu treffen und durchzusetzen als in Frankreich. 

Viele Eltern wollen "unbeschwerte Kindheit" 

Hinzu kommt: Bildungssysteme sind stark von kulturellen Traditionen geprägt. In Deutschland würden sich daher wohl viele Eltern gegen eine Vorschulpflicht stemmen – in dem ehrlichen Glauben, auf diese Weise ihrem Nachwuchs am besten eine unbeschwerte Kindheit zu gewähren. Und auch, weil viele die Pflicht als Eingriff in ihre elterliche Freiheit sähen. In diesem Land ist eine Vorschulpflicht deshalb nicht mehr als eine Utopie.

Das darf aber keine Ausrede sein, gar nichts zu tun. Auch in Kitas lässt sich Bildungsarbeit betreiben – und das wird sie ja teils auch schon. Doch oft mangelt es am Personal.

Die große Koalition hat verabredet, Geld für das Ziel der Gebührenfreiheit zu mobilisieren. Das ist gut, reicht aber nicht aus. Wir müssen auch in die Qualität zu investieren, nicht zuletzt in eine gute Ausbildung und Bezahlung für die Erzieher. Wäre es nicht schlau, wenn der Lehrer von der benachbarten Grundschule stundenweise in der Kita vorbeischauen würde?

Macrons Schritt ist ein Signal an die deutsche Politik, dass sie mehr für die frühkindliche Bildung tun muss. Pippi Langstrumpf ist als Erwachsene sicher mal eine prima Piratenbraut geworden. Die Kinder von heute brauchen bessere Perspektiven.

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