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Polizeieinsatz nach dem Messerattentat auf Henriette Reker in Köln.

Leitartikel

Die Front der Guten gegen die Verrohung

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Die Angriffe auf die Demokratie nehmen zu - an Intensität und Geschwindigkeit. Der anständige Mensch braucht das aber nicht hinzunehmen. Der Leitartikel.

Man muss die sensorgesteuerte Ampelschaltung nicht für einen Durchbruch in der Zivilisationsgeschichte und die Bedeutung eines zweiten Rasenplatzes nicht für menschheitsrelevant halten“, sagt der Ich-Erzähler in Navid Kermanis Roman „Sozusagen Paris“ und fügt die rhetorische Frage an: „Aber ist es etwa nichts?“ 

Doch, es ist etwas, und es ist sogar etwas Großes, dass sich Männer und Frauen „mit all ihrer Kraft reinhängen“, damit in diesem Land etwas funktioniert, wie Kermani an anderer Stelle gesagt hat. „Kommunalpolitiker sind die Frontkämpfer der Demokratie.“

Messerattacke auf Hollstein, unflätige E-Mails

Man schluckt unwillkürlich bei so einer bewusst kantig-martialischen Formulierung – eine Woche nach der Messerattacke auf Andreas Hollstein, den langjährigen Bürgermeister von Altena im Sauerland. Zusammen mit anderen Kommunalpolitikern und dem Deutschen Städte- und Gemeindebund beklagt der CDU-Politiker eine zunehmende Verrohung, die „Haltlosigkeit der immer stärker werdenden Ich-Gesellschaft“. Von unflätigen E-Mails und Hassausbrüchen gegen Amtsträger in den asozialen Netzwerken führt eine Linie zu direkter Bedrohung und tätlichen Angriffen. Sie bereiteten den Boden dafür, sagt Hollstein. Doch er will standhalten. „Als Bürgermeister meiner Stadt, aber auch als Familienvater empfinde ich die Verpflichtung, daran mitzuarbeiten, dass die Gesellschaft nicht schlechter, sondern besser wird.“ Kermani nennt diese Haltung „heroisch“ – und vielleicht braucht es auch diesen Ton, braucht es das Pathos, um klarzumachen, was für unsere Gesellschaft auf dem Spiel steht. 

Es gibt eine doppelte Tendenz, die Bedeutung der kleinen Einheiten abzutun. Im Weltmaßstab nehmen sie sich gänzlich irrelevant aus. Es sind die Irrsinnsschübe des Mannes im Weißen Haus, die uns ängstigen. Wir sind Zuschauer eines zähen Ringens um die künftige Bundesregierung und erleben, dass gewählte „Volksvertreter“ alles Mögliche vertreten, nur nicht die Belange des Volks. „Wir da unten“ schauen auf „die da oben“ – und empfinden ein Stück Vergeblichkeit. Wenden wir aber den Blick nach unten, kommt ein vergleichbares Ohnmachtsgefühl auf.

Kommunale Ohnmacht

Kommunale Haushalte, in denen es keine Reserven gibt. Städte, in denen die Schulen vergammeln, die Zentren veröden und selbst die öffentliche Daseinsvorsorge vor dem Kollaps steht. Die Beteiligung an Stadtrats- und Bürgermeisterwahlen ist nach wie vor im Sinkflug. Offenbar kommt bei vielen Bürgern in Städten und Gemeinden nicht an, was Andreas Hollstein aus seiner Erfahrung im kommunalpolitischen Alltag mitnimmt: „Als Bürgermeister kann man direkt etwas bewegen.“

Dem doppelten Ohnmachtsempfinden steht eine kommunikative Selbstermächtigung entgegen: Die verbalen Hassorgien und Gewaltfantasien im Internet sind nicht nur ein Ventil, das emotionalen Überdruck entweichen lässt. Vielmehr verändern sie Wirklichkeit. Das lässt sich am besten an der Achsenverschiebung in der öffentlichen Kommunikation und der politischen Kultur erkennen, die eine Bewegung wie die AfD schon jetzt erreicht hat. 

Nun wäre es zu einfach – und auch zu viel der Ehre –, die besagte Verrohung einzig der AfD anzuhängen. Aber es bleibt eben nicht ohne Folgen, wenn eine politische Partei ihre Vitalkräfte daraus zieht, die „Altparteien“, das „Establishment“, das „System“, das „rot-grün versiffte Gutmenschentum“ als verrottet zu denunzieren und – was noch schlimmer ist – für komplexe Herausforderungen einfache Scheinlösungen zu propagieren. 

Das nämlich trifft zuerst und vor allem die, die unbeirrt und unverdrossen an praktischen Lösungen im Kleinen arbeiten, also Kommunalpolitiker wie Andreas Hollstein. Es ist mehr als bezeichnend, dass er wegen des Einsatzes von Energie und Geld zur Lösung eines Problems attackiert wurde, das es im Weltbild und in der Lesart der AfD gar nicht geben dürfte: Grenze dicht, Flüchtlinge draußen – und schon könnten sich Hollstein und Kollegen den wahren Sorgen der (deutschen) Menschen widmen. 

Zivilisierung auf dem Rückzug

Der Soziologe Norbert Elias hat in seinem Klassiker über den „Prozess der Zivilisation“ das Zurückdrängen individuell ausgeübter Gewalt als zentrales Moment der gesellschaftlichen Entwicklung in Mitteleuropa beschrieben. Diese ist weder unaufhaltsam noch unumkehrbar. In einer neuen Phase der Kommunikation erleben wir, dass ihre höchst raffinierten, verfeinerten Möglichkeiten mit nie dagewesener Schnelligkeit, Unmittelbarkeit und Reichweite auch einen neuen Entzivilisierungsschub bedeuten. 

Solange die Akteure auf teuren Smartphones und Tablets tippen oder in gut klimatisierten Räumen vorm PC hocken, ist es eine kalte, technisch neutralisierte, gleichsam aseptische Entzivilisierung. Aber dass sie in der Tendenz kaum weniger verroht ist als das Marodieren von IS-Mordbanden und wegen ihrer Breitenwirkung auch nicht weniger gefährlich, das zeigen Angriffe auf Politiker wie Andreas Hollstein, Henriette Reker und andere. Es wird Zeit, ihnen den Frontkampf der Demokratie nicht allein zu überlassen.

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