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AfD-Chefin Frauke Petry mit dem Parteifreund und Hobby-Rassekundler Björn Höcke.

Neue Rechte

Frische Gesichter, alter Mief

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Frauke Petry, Beate Szydlo, Marine Le Pen: Viele Protagonisten der neuen Rechten sind weiblich. Sie werben mit simplen Lösungen – und verbreiten den Geist des Stillstands. Der Leitartikel.

Frauen sind eher links, mitfühlend, ganzheitlich denkend, verantwortungsbewusst, solidarisch. Wenn Frauen erst stärker in Politik und Wirtschaft vertreten sind, mehr Verantwortung in der Gesellschaft übernehmen, dann … Ja, was? Wird alles menschlicher, irgendwie besser. Diese schlichte Weltsicht bestimmt nicht alle einschlägigen Debatten, jedoch viele. Zum Beispiel wird ernsthaft behauptet: „Führungsfrauen bringen aus ihrem Frausein heraus wichtige Werte, Einsichten und Qualitäten ein.“ Derartige Sätze suggerieren eine moralische Überlegenheit der Frau und sind doch einfach hohl. Die faktische Gleichstellung der Frauen bringen sie nicht voran, allenfalls infantile Sprachzüchtungen aus Genderlaboren.

Derzeit legen eine Reihe rechts gesinnter Frauen beachtliche Karrieren hin und widerlegen feministische Schönfärbereien. Sie sind stark, selbstbewusst, intelligent und politisch erfolgreich, mit ausgeprägtem Willen zur Macht. Bei aller Modernität bleiben sie konservativ bis auf die Knochen. Ihre Werte: Familie, Volk, Vaterland. Ihre Feinde: die Fremden, die Fremdbestimmung durch die EU, das Un-Heimelige. Das öffentliche Auftreten dieser Frauen ist weder weich noch mitfühlend, weder ganzheitlich noch solidarisch.

In Deutschland repräsentieren Frauke Petry, Vorsitzende der rechtspopulistischen AfD, und ihre Parteifreundin Beatrix von Storch diese Frau neuen Typs. Beim polnischen Nachbarn regiert Beata Szydlo als Premierministerin mit fester Hand. Von einer großen Mehrheit, gerade auch unter den jungen Wählern, ins Amt getragen, gräbt sie ihr Land tatkräftig um. Die beiden adretten Französinnen Marine und Marion Le Pen erfreuen sich dummerweise ständig steigender Popularität.

Die fünf genannten Politikerinnen vereint vieles. Alle sind sie hoch qualifiziert. Die Chemikerin Petry und Ethnografin Szydlo führen den Doktortitel, von Storch und die Le Pens sind Juristinnen. Mit Ausnahme der jüngsten, Marion Le Pen, verfügen sie über robuste Berufs- und Lebenserfahrung. Von Beatrix von Storch abgesehen, haben alle Kinder. Alle fünf sind gläubige Christinnen, am strengsten Beata Szydlo und Beatrix von Storch, am mildesten die lebensfrohe Marine Le Pen, die sich als „Kirchhofgläubige“ beschreibt.

Einfache Lösungen in komplizierten Zeiten

Klingt aus den Mündern solcher Frauen die populistische Botschaft von einfachen Lösungen in komplizierten Zeiten glaubwürdiger? Jedenfalls erwecken sie den Eindruck, streng, klar und lebensklug zu denken und zu handeln, ganz wie es das Ideal der guten Mutter und ebenso strengen wie fürsorglichen Hüterin des eigenen Hauses vorsieht. Es ist ja nicht zu bestreiten, dass ein Teil der Gesellschaften, glücklicherweise nicht die Mehrheit, vom Tempo der Liberalisierungen der vergangenen 20 Jahre überfordert ist. Schwulenehe, Migration, auf Arbeitsuche auseinandergerissene Familien, Abstiegsängste, das demütigenden Gefühl, abgehängt zu sein oder von fernen, undurchschaubaren Bürokratien gegängelt zu werden.

All das gibt es. Und wenn dann der Staat, wie in Deutschland offiziell eingeräumt, die Kontrolle über die Einwanderung verliert – dann soll eine Alternative her. In der zierlichen Gestalt Frauke Petrys kommt sie wie gerufen – straff genug, aber nicht bedrohlich.

Petry und ihre Gesinnungsverwandten können darauf bauen, dass es viele Menschen gibt, die sich innerhalb von Grenzen wohler fühlen: nicht nur von Staaten, sondern auch von solchen, die angeblich verlotterten Sitten eine traditionelle Moral entgegensetzen und soziale Wärme im überschaubaren Rahmen versprechen.

Viktor Orban nennt seine Politik für Ungarn „illiberale Demokratie“, Wladimir Putin spricht von „gelenkter Demokratie“. Polens erzkonservative Regierungspartei PiS ist dabei, die jüngst gewonnene Liberalität zurückzustutzen. Weite Teile Osteuropas, auch solche, die Russland eigentlich fürchten, erscheinen mittlerweile wie Ausstülpungen der fremdenfeindlichen, homophoben, neonationalistisch formierten Autokratie Putins.

Nach den schnellen Modernisierungsschüben kommt die derzeitige Restaurationsphase nicht überraschend. Solche Pendelbewegungen gehören zu den geschichtlichen Konstanten. Sie verunsichern natürlich all jene, die sich im Schwung der Liberalisierung seit dem Fall der Mauer als Sieger der Geschichte fühlen durften und nun erkennen: Das Vergangene ist nur scheinbar vollständig vergangen. Seine Träger warten noch in den Kulissen.

Dass heute ausgerechnet Frauen zu den Protagonisten des neuen illiberalen National-Konservativismus werden, lässt sich erklären. Sie sind dank gesellschaftlicher Fortschritte gut ausgebildet und durch die Mehrfachbelastung Ausbildung-Beruf-Familie gestählt. Sie gehören noch nicht zur misstrauisch beäugten alten, vermeintlich korrupten Elite, dem verachteten politischen Establishment und seinem überallhin ausgreifenden Machtapparat. Die neuen Frauen kommen frisch daher. In Wahrheit verbreiten sie den Mief des Stillstands – der angeblich „guten alten Zeit“.

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