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Menschen drängen von der afghanischen Grenze in Spin Boldak nach Pakistan.
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Menschen drängen von der afghanischen Grenze in Spin Boldak nach Pakistan.

Gastbeitrag

Frieden von unten

Bei der Lösung von Konflikten werden die Gemeinschaften vor Ort oft viel zu wenig einbezogen. Der Gastbeitrag von Karolina Kluczewska und Anna Kreikemeyer.

Der gescheiterte Nato-Militäreinsatz in Afghanistan zeigt: Eine globalisierte Welt bedarf nichtmilitärischer Friedensförderung. Internationalen Organisationen (UN, EU, OSZE) mangelt es dabei jedoch oft an Respekt vor der Eigenverantwortung der lokalen Bevölkerung. Trotz des Anspruchs, die Menschen vor Ort beim Friedensaufbau einzubinden, dominieren in der Praxis Strategien, die in den Organisationen erarbeitet und von oben umgesetzt werden.

Die ethnographische Friedensforschung betont, dass solche Vorhaben ohne ein Verständnis einheimischer Kulturen oft zum Scheitern verurteilt sind. Internationale Organisationen sollten künftig mehr Energie aufbringen, um nichtwestliche Friedensordnungen zu erkennen, zu verstehen und lokale Gemeinden auf deren Wegen zu nachhaltigem Frieden zu begleiten. Hierzu braucht es mehr Offenheit, weniger Bürokratie und neue Formen dezentraler Friedensförderung.

Lokale Gemeinschaften sind nicht per se friedlich. Vielerorts sind die Menschen aber in der Lage, mit alltäglichen Spannungen umzugehen, selbst in Armut oder angesichts von Gewalt. Sie tun dies, indem sie Konflikte vermeiden, beschwichtigen, verhindern und schlichten. Dabei orientieren sie sich an den für ihre Gemeinschaften typischen Vorstellungen von Gemeinschaft, Autorität, Gewohnheitsrecht und Geschlechternormen.

Kulturen und Weltanschauungen haben immer Einfluss darauf, wie Gesellschaften mit Konflikten und Frieden umgehen: Manche Gesellschaften bevorzugen offene Auseinandersetzungen, andere begrenzen Konflikte durch Vermeidungsstrategien. Einige erwarten, dass die Polizei in Streitigkeiten eingreift, andere bevorzugen informelle Wege der Konfliktbewältigung über verwandtschaftliche Netzwerke. Einige Gesellschaften betonen den hohen Stellenwert von individuellen Rechten und Gleichheit als Voraussetzung für Frieden, andere hingegen setzen auf Autorität von oben und sozialen Zusammenhalt.

Trotz Globalisierung sind die wenigsten Gesellschaften liberal und demokratisch. In vielen afrikanischen, nahöstlichen oder lateinamerikanischen Staaten herrschen traditionelle Ordnungen vor. Religiöse und soziale Führer, Ältestenräte oder Nachbarschaftskomitees, aber auch weibliche und jugendliche Führungskräfte geben normative Orientierung bei der Streitbeilegung. In ihrem Alltag tragen die Menschen durch Nachbarschaftskontakte, gegenseitige Hilfe oder gemeinschaftliche Arbeit dazu bei, Druck abzufedern, Probleme zu entschärfen und kreativ zu lösen. Indirekte Vermittlung und Gesichtswahrung haben dabei einen hohen Stellenwert.

Internationale Organisationen müssen solche traditionellen Normen nicht teilen. Wenn sie aber ernsthaft an lokaler Eigenverantwortung interessiert sind, dürfen sie nicht übergehen, was die Bevölkerung vor Ort als legitime und wirksame Konfliktlösungen ansieht.

Studien zeigen: Regionale Expert*innen sollten frühzeitig klären, ob lokale Gemeinden bereit und in der Lage sind, internationale Strategien der Friedensförderung zu akzeptieren, oder ob sie diese als respektlos gegenüber lokalen Traditionen ansehen.

Bevor internationales Personal Projekte umsetzt, sollte es Vertrauen vor Ort aufbauen, lokale Sprachen sprechen und bereit sein, andere Kulturen verstehen zu wollen. Es braucht außerdem Zeit und Flexibilität, um über unterschiedliche Werte zu sprechen, voneinander zu lernen und über Möglichkeiten und Grenzen von Zusammenarbeit zu verhandeln.

Friedensförderung ist wirksamer, wenn die Bevölkerung auf Augenhöhe mitwirken kann. Eine solche lokal-internationale Zusammenarbeit erfordert, dass sich alle Beteiligten der Machtfragen bewusst werden. Auf der lokalen Ebene dürfen die Akteure internationales Personal nicht in informelle Netzwerke hineinziehen. Mitarbeiter*innen internationaler Organisationen sollten transparent machen, welchen bürokratischen Zwängen und politischen Direktiven sie ausgesetzt sind. Keine*r der Beteiligten sollte ausblenden, wenn global vorherrschende Wirtschaftsstrukturen lokale Konflikte und Unterentwicklung mitverursachen.

Um also Chancen des Friedensaufbaus von unten zu erkennen, zu verstehen und lokal geführte Friedensinitiativen würdig zu begleiten, müssen internationale Organisationen ihre Prioritäten überdenken, Praktiken verändern und Friedensmissionen umgestalten.

Karolina Kluczewska ist Postdoc-Stipendiatin am Käte-Hamburger-Kolleg/Centre for Global Cooperation Research an der Uni Duisburg-Essen.

Anna Kreikemeyer ist Friedensforscherin und Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Friedensforschung und Sicherheitspolitik an der Universität Hamburg (IFSH).

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