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Fridays for Future - Demo auch im Regen.

Kolumne

Vorbildliche Jugend

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Viele junge Leute, die freitags für mehr Klimaschutz demonstrieren, lärmen nicht nur, sie handeln auch. Die altväterlichen Reaktionen zeigen, wie wichtig die Proteste sind.

Eigentlich ist es ja um den Ruf unserer Jugend nicht sehr gut bestellt. Sie torkelt kampftrinkend durch Parks, ernährt sich von Fertigpizzas, stiert immerzu aufs Smartphone, giert nach teuren Markenklamotten, beherrscht weder Rechnen noch Rechtschreibung, trägt im Winter keine Socken, müpft auf gegen Lehrer, steht in der Bahn nicht für alte Leute auf, redet schnell und unverständlich, schert sich einen Dreck um Politik und raucht zwar weniger Zigaretten, dafür mehr Hasch und Gras.

Vorurteile. Doch treffen sie zu? Jedenfalls längst nicht auf alle Jugendlichen. Aber wer hat sie in die Welt gesetzt? Es waren die, die gerade bevormunderisch über die weltweiten freitäglichen Schülerdemonstrationen gegen die Klimapolitik frotzeln. Und jene, die sich darüber wundern, was diese missratene Jugend da plötzlich tut. Beides ist Quatsch.

Die Proteste haben sich lange entwickelt und nun waren sie überfällig. Denn Jugendliche mögen nämlich versoffen sein, verkifft, unhöflich, sockenlos oder sonst was, eines sind die meisten mit Sicherheit: vernünftig und vernetzt. Sie haben sich den klaren kindlichen Blick bewahrt, sind aber schon so erwachsen, ihn in Worte zu fassen und herauszuschreien. Sie sagen uns schlicht die Wahrheit – und das in einer Zeit, in der alle nach einfachen Lösungen verlangen. Bitte. Da sind sie. Jeden Freitag aufs Neue.

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Mehr noch. Die jungen Wahrsager lärmen nicht nur, sie handeln auch. Viele machen den Führerschein nur, wenn es unbedingt nötig ist – etwa wenn sie auf dem Land wohnen, wo „die Großen“ profitsüchtig Schienen stillgelegt haben. Viele leben vegan oder vegetarisch oder essen nur sehr selten Fleisch.

Viele streben nach dem Abi nicht sofort nach einer Karriere, sondern fahren erst einmal für lange Zeit weit weg, auf eigene Faust, mit wenig Geld. Wollen durchatmen, ihren Horizont erweitern und in Ruhe überlegen, wie es weitergehen soll mit ihrem Leben. Dass sie dafür ein Flugzeug benutzen, sei ihnen verziehen. Wer fremde Menschen kennenlernt, hasst sie nicht. Außerdem fordert niemand die Einstellung des gesamten Luftverkehrs. Sie denken nämlich nicht utopisch, sondern realistisch – das ist das Bestürzende daran. Sie haben nämlich recht, recht und nichts als recht.

All dies, was da geschieht, ist also gut – und irritiert und verängstigt deswegen „die Großen“. So übertreffen sich übersaturierte Zeitungskommentatoren gegenseitig mit tumber, altväterlicher Spöttelei. Ein neunmalkluger Kopf der „FAZ“ machte sich zum Beispiel über die kecke Forderung des Verkehrsclubs Deutschland lustig, den Demonstrierenden freie Anfahrt mit Bussen und Bahnen zu gewähren. Hilflos um Argumente rudernd verlangte er, „die jungen Helden“ sollten doch „wenigstens ein kleines Opfer bringen, auch wenn sie dafür auf einen Kaffee bei Starbucks oder einen Hamburger verzichten“ müssten.

Wirrköpfig, Thema verfehlt. Und „Setzen, sechs“ dafür, die jungen Demonstrierenden in eine Reihe nicht nur mit Antifaschisten, sondern auch mit Neonazis zu stellen und dümmlich mäandernd zu behaupten, „viele dieser Zeitgenossen“ würden „ohnehin schwarz fahren“. Und wenn sie das täten? Sollen sie doch. Aber vielen Dank für den Kommentar. Solche Reaktionen zeigen, wie wichtig die freitäglichen Proteste sind.

Michael Herl ist Autor und Theatermacher.

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