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Fridays for Future: Michael Herl wünscht sich Hunderttausende weiterer ungehorsamer Schülerinnen und Schüler.

Klimakrise

„Fridays for Future“: Möge die Demo niemals enden

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Wann werden die Klugköpfe, die in ihren SUVs über die Hitze klagen, ihr Verhalten ändern? Wie viele Fridays for Future braucht es dafür noch, fragt Michael Herl in seiner Kolumne.

Eigentlich ist das ja ein Hohn. Da fliegen die Leute alle furzlang nach Mallorca, da buchen sie mal rasch bei Aldi eine Kreuzfahrt (kein Witz, das geht tatsächlich), da fressen sie vom billigsten Fleisch das billigste, da fahren sie dickere Autos denn je, da kaufen sie „Flugananas“ aus Costa Rica (selbstverständlich „bio“), Thunfisch aus dem Indischen Ozean, Babycalamares aus Patagonien und Schnittblumen aus Kenia – und dann jammern sie über die Hitze.

Und es sind nicht nur No-Name-Zigaretten rauchende Nachmittagstalkshowglotzer, nicht nur Samstagsinjogginghoseanderwaschstraßesteher und auch nicht nur björnhöckegläubige AfD-Wähler, es sind auch Universitätsprofessoren, Chefärzte, Anwälte, Journalisten und sonstige Klugköpfe (und natürlich die jeweiligen weiblichen Pendants) – es sind einfach nahezu alle, die beim Thema Klimawandel genau das Gegenteil dessen tun, wovon sie immerzu klug daherschwätzen.

„Die Menschen sind bequem und handeln meistens nur, wenn sie direkt betroffen sind“, sagte am vergangenen Samstag der Klimaforscher Mojib Latif im FR-Interview. Aber wann sind die Menschen denn betroffen? Ab fünfzig Grad Celsius? Oder ab sechzig? Vermutlich immer noch nicht. Ich fürchte, erst wenn sie dazu gezwungen werden.

Noch tut man Leute wie den Linken-Vorsitzenden Bernd Riexinger als ideologische Spinner ab – weil sie schlicht die Wahrheit aussprechen. Riexinger fordert das einzige Vernünftige, nämlich die Verstaatlichung von Fluggesellschaften, Bahnen und Energieversorgern. Denn Fakt ist nun mal, fernab jeglicher politischer Gesinnung: Für 71 Prozent des weltweiten Kohlendioxidausstoßes sind hundert Konzerne verantwortlich.

Die Hoffnung heißt „Fridays for Future“

Solange sich mit Dreckschleuderei Geld verdienen lässt, wird sich also überhaupt nichts ändern. Oder warum bauen nun alle Hersteller wie entfesselt Autos mit alternativen Antrieben? Etwa aus Liebe zur Natur? Also wird sich gar nichts ändern? Doch. Die Hoffnung lässt sich wöchentlich weltweit auf den Straßen erleben und heißt „Fridays for Future“. Und sobald die Schule wieder anfängt, wird sie auch wieder mehr an politischem Gewicht gewinnen.

Kluge, wache junge Leute gehen für ihre Zukunft auf die Straße, und sie wählen zur Unterstreichung ihres bitter notwendigen Anliegens ein Mittel, das wie dafür gemacht erscheint, gerade im ach so angepassten Deutschland größtmöglichen Aufruhr zu erzielen: den zivilen Ungehorsam, in dem Fall das Schuleschwänzen.

Womöglich werden wir bald in Deutschland den Hitzerekord ein weiteres Mal knacken. Ich wünsche mir das. Und ich sehe sie dann freitags bei 45 Grad Celsius mit ihren SUVs in den Städten stehen, gerade zurück vom Urlaub auf Mallorca, von der Kreuzfahrt oder vom Einkauf leckerer Thunfischsteaks oder Babycalamares. Und sie kommen nicht weiter, denn Tausende junger Leute demonstrieren für ihre Zukunft.

Und ich höre sie neoliberale Tiraden sabbern, etwa „Drückeberger“, „linke Träumer“ oder „Fantasten“ – und ich wünsche mir Hunderttausende weiterer ungehorsamer Schülerinnen und Schüler, auf dass die Demo niemals ende und die Beschimpfer tagelang mit ihrem Fisch in ihren Spähpanzern schmoren müssen, ohne Klimaanlage, weil ohne Sprit. Vielleicht fühlen sie sich ja dann betroffen.

Michael Herl ist Autor und Theatermacher.

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