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„Fridays for Future“-Demonstration in Berlin.

„Fridays for Future“-Demonstrationen

Wer schwänzt hier?

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Bei „Fridays for Future“ sind weltweit junge Menschen auf den Straßen, die sich Wege in die Zukunft bahnen möchten. Wir sollten ihnen applaudieren. Wir sollten aufstehen und mit ihnen gehen. Der Leitartikel.

Annegret Kramp-Karrenbauer, Vorsitzende der CDU, kritisiert die Fridays-for-Future-Demonstrationen, die Schülerstreiks für mehr Klimaschutz im nordhessischen Volkmarsen: „Es bleibt die Tatsache, dass sie dafür die Schule schwänzen.“ Das ist richtig. Aber es ist auch eine Unverschämtheit. Es sind die Politiker, die die Schule schwänzen.

Dank ihrer Entscheidungen fehlt es an Lehrern, an Mitteln. Seit Jahren. Hätte die Politik ihre Hausaufgaben gemacht, hätten wir bessere Schulen. Man muss nur mal aufrechnen, wie viel Stunden durch die Demonstrationen ausfallen und wie viel aufgrund fataler politischer Fehlentscheidungen. Mit einem Male wäre klar, wer hier die Schule schwänzt. Vor einem Jahr sprach zum Beispiel die Landesschülervertretung von 16 500 Schulstunden, die in Hessen täglich ausfallen.

Der neueste Klimaschutzbericht der Bundesregierung machte deutlich, dass sie ihr Ziel, bis 2020 die Treibhausabgase um 40 Prozent zu verringern, verfehlen wird. Die Schüler, die am eigenen Leibe erfahren, wie wenig die Regierung willens ist, jedermann bekannte Notlagen abzuwenden, sehen nicht ein, warum sie zuschauen sollen, wenn eine Generation, die nicht damit rechnen muss, das Jahr 2050 noch zu erleben, den Planeten ruiniert. Ihre Parole: „Wir sind hier, wir sind laut, weil ihr unsere Zukunft klaut.“

Schüler haben jeden Grund bei „Fridays for Future“ zu demonstrieren

Die Schüler haben jeden Grund zu demonstrieren. Je weniger die Obrigkeiten sich kümmern, desto mehr Gründe haben sie. Als Anfang des Jahres Wirtschaftsminister Peter Altmaier auf einer Veranstaltung von „Fridays for Future“ auftreten wollte, erklärten ihm die Schüler, er solle lieber in sein Büro gehen und dort eine verantwortungsvolle Politik machen, dann brauchten sie nicht zu demonstrieren. Es heißt, am vergangenen Freitag hätten Schüler in 120 Ländern der Welt demonstriert, allein in Deutschland seien an diesem Tag 300 000 Menschen auf den Straßen gewesen.

Das alles begann am 20. August 2018. Die am 3. Januar 2003 geborene schwedische Schülerin Greta Thunberg – als sie elf war, wurde bei ihr das Asperger-Syndrom diagnostiziert – setzte sich am ersten Schultag nach den Ferien mit einem Plakat „Schulstreik für das Klima“ vor den Schwedischen Reichstag in Stockholm. Allein. Eltern und Lehrer kritisierten sie. Sie machte weiter. Sie blieb nicht allein. Das erzählt etwas über sie, ihre Diagnose und über die Möglichkeiten, die die sozialen Medien ihr und ihren Gedanken eröffnen. Wir leben in einer neuen Zeit, in der neue Politikstile sich entwickeln werden. Greta Thunberg hat innerhalb eines Jahres mehr Menschen zum Nachdenken und zum Handeln gebracht, als es mir in meinem ganzen Leben glückte und – hoffentlich – auch mehr als Kramp-Karrenbauer auf die Beine bringen wird. Aber vergessen wir einen Augenblick lang Greta Thunberg, deren Vorbild Millionen aus ihrem Schweigen befreite.

Weltweite „Fridays for Future“-Proteste

"Fridays for Future" - Magdeburg
Bei der „Fridays for future“-Kundgebung in Magdeburg trägt ein Schüler eine Weltkugel aus Pappmache auf dem Kopf.  © dpa
"Fridays for Future" - Mailand
In Mailand tragen die demonstrierenden Schüler Atemschutzmasken.  © dpa
"Fridays for Future" - Sydney
Eine Schülerin in Sydney trägt ein Stoppschild.  © dpa
"Fridays for Future"- Stockholm
Die schwedische Klimaaktivistin Greta Thunberg demonstriert in Stockholm.  © dpa
A pregnant student is seen during a demonstration to demand global action on climate change as part of the "Fridays for Future" movement in Rio de Janeiro
In Rio de Janeiro demonstriert auch das ungeborene Leben mit.  © rtr
Auch in Bangkok wird für eine bessere Klimapolitik demonstriert.  © afp
"Fridays for Future" - London
In London legen sich zwei Schüler vor der Westminster Bridge auf den Boden.  © dpa
"Fridays for Future" - Bellinzona
Bei der Demonstration im schweizerischen Bellinzona werden Unterschriftenlisten gesammelt.  © dpa
"Fridays for Future" - Paris
Auf einem Schild bei der Kundgebung in Paris steht „Man kann Geld weder essen, einatmen noch trinken“.  © dpa
Schüler recken vor dem Berliner Reichstag die Hände in die Höhe.  © afp
Youth demonstrate for climate change during the "Fridays for Future" school strike, on Heldenplatz in Vienna
Auf dem Heldenplatz in Wien wird auch gestreikt.  © rtr
"Fridays for Future" - Madrid
Auf einem der Schilder in Madrid steht „So zu tun, als ob der Klimawandel nicht real wäre, heißt nicht, dass es ihn nicht gibt.“  © dpa

Blicken wir auf die merkwürdigen Reaktionen, die die Schülerstreiks erhalten. Es heißt, sie sollten lernen, statt zu demonstrieren. Sie sollten sich erst einmal gründlich informieren, bevor sie sich so lautstark zu Wort meldeten. Sie sollten dem Klima zuliebe auf ihre Smartphones verzichten, statt sich damit zu Demonstrationen zu verabreden. Anderen ist der Protest nicht politisch genug. Das geht an der Realität dieser Proteste gänzlich vorbei. In der Schweiz sind es die größten Demonstrationen seit 1991. In China sind sie verboten. Dafür ist die Debatte in den sozialen Medien umso heftiger. Wo immer Menschen demonstrieren, tun sie es mit all ihren Gefühlen, Wünschen und Sehnsüchten, mit ihrer Verzweiflung auch. Das war 1968 und das war 1989 so. Und das ist auch jetzt so. Wenn der Protest lebt, dann ist er immer mehr als ein Argument. Wenn viele ihn leben, wird er zu einer Lebensform. Die heute 70-Jährigen haben das immer wieder erfahren.

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Keine Gesellschaft kann vom Protest leben. Aber ohne ihn stirbt sie. Das wissen wir. Wir haben es vielfach erlebt. Die streikenden Schüler – die meisten von ihnen sind nicht einmal wahlberechtigt – führen unsere Gesellschaften aus einem Engpass ins Freie. Seit Jahren diskutieren wir den scheinbar unaufhaltsamen Anstieg der Rechten. Mit einem Male sind wieder Zehntausende auf den Straßen, die sich nicht zurücksehnen in eine verklärte Vergangenheit, sondern die sich Wege in die Zukunft bahnen möchten. Wir sollten ihnen applaudieren. Wir sollten aufstehen und mit ihnen gehen.

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