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Ein Baby-Rochen lächelt die Besucher des Zoos in Berlin an.

Kolumne

Soziale Netzwerke: Bei Tieren überlebenswichtig, beim Menschen nur noch Massenware

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Bei Rochen hat man Sozialverhalten gerade erst entdeckt. Indessen verflachen die sogenannten sozialen Netzwerke den menschlichen Begriff Freundschaft.

Der Hai gilt allerorten als ein einsamer Räuber der Meere. Abgesehen davon, dass es mehrere Hundert Arten gibt, die man längst nicht alle in einen Topf werfen kann, im übertragenen Sinn nicht und schon gar nicht im wörtlichen Sinn, wird er diesen Ruf so schnell nicht los.

Dabei ergaben Forschungen schon vor vielen Jahren, dass Haie durchaus soziale Lebewesen sein können. Sie formen Verbände, die sich zwar öfter einmal auflösen, um dann aber immer wieder zusammenzufinden. Neben eher lockeren Kontakten gibt es auch intensivere Beziehungen zwischen Individuen.

Soziale Netzwerke gibt es auch bei Tieren - sogar bei Rochen

Ganz aktuell haben Forscherinnen und Forscher im indonesischen Meeresschutzgebiet Raja Ampat nachgewiesen, dass auch manche Rochen solche sozialen Bindungen eingehen. Bisher dachte man, dass Rochen zwar sehr elegant durch das Wasser schweben können, was zumindest für Taucher und Fernsehpublikum wunderschön anzusehen ist, aber ansonsten vor allem in toter Form taugen für die chinesische Medizin und die Lederindustrie. Mehr hat man diesen Lebewesen kaum zugetraut.

Natürlich unterscheiden sich die mehr als 600 Rochenarten erheblich. Allerdings ist doch überraschend, dass manche von ihnen soziale Beziehungen pflegen. Das hat man sich vor wenigen Jahren nicht vorstellen können. Für Affen, Wale und andere hoch entwickelte Säugetiere sind Sozialbeziehungen längst bekannte, wesentliche Elemente ihres Daseins.

Kaum ein Lebewesen kommt ohne soziale Bindungen aus

Für viele Tierarten wäre ein Leben ohne soziale Bindungen nicht nur wenig erfreulich, sondern schlichtweg unmöglich. Beim Menschen hat die Evolution die Sozialisierung auf die Spitze getrieben. Sonst wären gegenseitige Hilfe, Familienbande, Arbeitsteilung und Freundschaft gar nicht vorstellbar.

Allerdings wird der Begriff der Freundschaft durch die sogenannten sozialen Netzwerke inzwischen inflationiert und damit ein gutes Stück entwertet. Die Internetplattformen haben ihn zur Massenware verflacht. Solche Netzwerkfreundschaften sind oft wohl auch nicht enger als die in der Unterwasserwelt der Haie und Rochen.

Die Grenzen zwischen Freundschaft, Kumpanei und Kriminalität sind fließend

Ein Netzwerk von verlässlichen Freunden ist eine gute Sache. Zumindest wenn sich nicht Charaktere mit unlauteren Absichten zusammenrotten. Verbrecherische Familienclans, Freunde, die ihrem Staatspräsidenten den Rücken decken, wenn es um die Verschleierung dubioser Russlandgeschäfte geht, freundschaftliche Netzwerke zwischen Industrie und Politik, an ihnen zeigt sich, wie schnell die Grenzen zwischen Freundschaft, Kumpanei, Zweckbündnis und organisierter Kriminalität verschwimmen können.

Haie und Rochen als jetzt entdeckte Newcomer in der Welt sozialer Lebewesen führen dagegen nichts Übles im Schilde, sondern erhöhen damit, ökologisch gesehen, ihre Chancen auf Sicherheit, Fortpflanzung, mehr Lebensqualität.

Am aktuellen Beispiel der Entdeckung des Soziallebens von Rochen zeigt sich einmal mehr, wie wenig bekannt ist über die Lebenswelt unter Wasser und dass dort unten noch viele Überraschungen zu erwarten sind. Man mag sich gar nicht vorstellen, was alles schon verloren ging zwischen Plastik, Korallensterben und Überfischung. Für Haie, Rochen und Menschen.

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