Kolumne

Freie Parkplätze

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Besinnlichkeit lässt sich nicht erzwingen. Das weiß man in Berlin besser als sonstwo.

Weihnachten in Berlin ist freudlos, seien wir ehrlich. Anderswo in Deutschland gibt es schneebedeckte Berge und Tannenwälder, rauen Küstenwind, romantische Altstädte, dazu feine Hausmannskost und gute Weine. Wir hingegen haben nur freie Parkplätze.

Trotzdem hat Weihnachten in Berlin auch etwas Gutes. Es kann hier nämlich viel leichter ignoriert werden. Das Ausmaß an persönlicher Freiheit, das diese Stadt bietet, findet man nicht überall. Sie können das für sich persönlich mögen oder nicht, aber für viele Menschen ist es eine Rettung.

Seit Wochen schon werden wir medial damit bombardiert, dass Weihnachten ein schönes, entspanntes Familienfest zu sein hat, an dem sich alle liebhaben. Die Zeit mit der Familie wird als etwas besonders Kostbares dargestellt.

Nun ist es aber leider so, dass viele Familien nicht ganz so gut harmonieren wie die in der Vorabendwerbung. Das kann bestenfalls ein bisschen anstrengend sein, sich im schlechtesten Falle jedoch negativ auf die seelische und psychische Gesundheit auswirken.

Natürlich ist nicht jede emotionale Verstimmung auf familiäre Probleme zurückzuführen, aber es sind ja definitiv nicht nur Zukunftssorgen und die Berliner Ringbahn, die Psychotherapeuten das Geld für ihre Weihnachtsgeschenke einbringen.

Vielleicht ist jede unglückliche Familie auf ihre eigene Weise unglücklich, wie Tolstoi schrieb, aber ihnen dürfte gemeinsam sein, dass es an Weihnachten besonders schwierig ist. Man kann sich ausmalen, dass drei Tage Vollkonfrontation im stockdunklen Dezember mit Alkohol und Gesellschaftsspielen Menschen aus dysfunktionalen Familien an ihre Grenzen bringen.

Die gesellschaftliche Erwartung, dankbar für seine Familie sein zu müssen und mit ihnen das emotional aufgeladene Weihnachtsfest zu verbringen, wird in Berlin aber zum Glück abgemildert. Ehescheidungen, Patchworkfamilien und Singlehaushalte sind hier eher die Regel als die Ausnahme. Damit erweitert sich auch der Familienbegriff.

Gleichzeitig sind die verschiedenen Kirchen und gesellschaftliche Konventionen in dieser Stadt weniger wichtig als in anderen Teilen Deutschlands. Viele Berlinerinnen und Berliner haben das Fest eh nie gefeiert, weil in ihrer Familie andere Religionen eine Rolle spielen. Es ist hier deshalb völlig in Ordnung, Weihnachten ohne die Herkunftsfamilie zu feiern oder es sogar ganz ausfallen zu lassen.

Stattdessen können wir Heiligabend mit Freundinnen oder Freunden, mit Partnern, alleine in einer Kneipe, mit unseren Katzen oder mit Netflix verbringen und müssen uns dafür vor niemandem rechtfertigen. Nachbarn werden nicht komisch gucken, wenn man alleine zuhause bleibt, sondern sich vermutlich eher freuen, dass dann jemand in ihrer Abwesenheit den Stromableser hineinlassen kann.

Das klingt alles schrecklich unromantisch, ist es auch. Aber Besinnlichkeit kann man nicht erzwingen und wenn der alljährliche Streit unter dem Weihnachtsbaum größer ist als die Vorfreude aufs Fest, dann hat das mit Romantik auch nicht mehr viel zu tun.

Das Wichtigste an Weihnachten sollte sein, dass es jede und jeder in Frieden verbringen kann, wie auch immer und mit wem auch immer. Nehmen wir den Druck ein bisschen raus und genießen die Berliner Freiheit. Und natürlich die vielen freien Parkplätze!

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