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Von: Harry Nutt

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Wenn die Gartentore geöffnet werden, ist Frühling: Liebermann-Haus am großen Wannsee in Berlin. Aktuell lockt es mit der Ausstellung "Liebermann und der Sport".
Wenn die Gartentore geöffnet werden, ist Frühling: Liebermann-Haus am großen Wannsee in Berlin. Aktuell lockt es mit der Ausstellung "Liebermann und der Sport". © imago

Wenn der Frühling die Blumen sprießen lässt, drängt es viele nach draußen. Dort kann man sich vielem hingeben.

Wenn der Garten des Liebermann-Hauses am Großen Wannsee in Berlin seine Pforten öffnet, ist Frühling. Was da sprießt, sind nicht nur die Nutz- und Zierpflanzen, die der große Berliner Maler einst in die Furchen und oft auch ins Bild gesetzt hat. Das Kleinod im Südwesten Berlins ist vielmehr ein Plädoyer für Offenheit.

Max Liebermann trieb es buchstäblich hinaus, und so haben er und andere gegen den Dünkel der akademischen Malerei ihrer Zeit eine Frischkur an Sujets und Farben durchgesetzt. Zu sehen ist das gerade wieder in der kleinen Ausstellung „Liebermann und der Sport“. Lauter Pferde auf grünem Grund, mit Reitern in leuchtenden Blousons.

Dafür gab es natürlich Vorbilder, die großen französischen Impressionisten hatten es vorgemacht. Degas, Renoir und Co. waren über die Rennplätze in den großen Pariser Parks gezogen, ohne sich allzu sehr damit zu beschäftigen, welcher Reiter mit welchem Pferd gewinnt. Warum man sich vor derlei Überlegungen hüten sollte, hat später Franz Kafka in seiner Parabel „Zum Nachdenken für Herrenreiter“ dargelegt. Es bringe ungute gemischte Gefühle hervor, so hatte Kafka befunden, wenn man sich dem sportlichen Geschehen zu sehr hingibt.

Liebermann ließ die Pferde los. Und nicht nur die.

Der Künstler Max Liebermann war davon weit entfernt. Farbe, Licht, das Wogen der Natur – das alles war im Gestus der freigesetzten Bewegung zu seiner Zeit ja erst zu entdecken. Die Pferde, die in der Hofmalerei einzig Repräsentationszwecken dienten, wurden unter dem Auge Liebermanns losgelassen, und die emanzipatorische Freiheit kam keineswegs nur den Pferden zugute. Liebermann malte auch Tennis spielende Frauen, und was für den Moment noch der mondänen Welt als schnöde Freizeitbeschäftigung vorbehalten war, bahnte sich insgesamt als neu zu entdeckende Bewegungsfreiheit an – ohne dass diese bereits auf eine Freiheitsbewegung zulief.

Und so war es gewiss kein Zufall, dass der Sport insgesamt den großen Theoretikern des frühen 20. Jahrhunderts eher verdächtig war. Er galt ihnen als eindimensionale Zurichtung der Massen für die Welt der Industrialisierung. Mit ihren sportlichen Aktivitäten machten sich die Menschen fit für die Herausforderungen in der Fabrik. Ihr freiwilliges Tun wurde zu einer Art unausgesprochenen Einstellungsvoraussetzung. Und wenn sie arbeitslos wurden, hatten sie wenigstens noch etwas zu tun.

Der Journalist und Soziologe Siegfried Krakauer, der wendigste unter den kritischen Denkern, ließ sich davon aber weder beirren noch blenden. Er ließ sich vom Sport selbst dann noch faszinieren, als dieser mit Hilfe der Elektrizität auch den späten Abend eroberte. 1930 notierte er über die auf der Trabrennbahn Mariendorf kurz zuvor neu errichtete Flutlichtanlage: „In der Dunkelheit, die nun den Tag zu überwältigen droht, entzünden sich die elektrischen Bogenlampen. Ein wunderbares Schauspiel hebt an: Die Bahn leuchtet, sie ist ein leuchtender Riesenring, der frei in der tiefen Bläue des Himmels schwebt. Ein Turm im Norden erglüht, helle Perlenketten schimmern an den Pavillons, die Jockeys glänzen bunt, und fremde Geräusche füllen die Nacht.“ Jetzt laufen sie wieder. In der Nachmittagssonne, aber oft auch des Nachts.

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