Die Reduzierung der Arbeitszeit als Mittel gegen Massenentlassungen gab es in Deutschland schon einmal: Bei Volkswagen.
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Die Reduzierung der Arbeitszeit als Mittel gegen Massenentlassungen gab es in Deutschland schon einmal: 1993 bei Volkswagen.

Gastbeitrag

Arbeitsplätze retten in der Corona-Krise: Kommt die Vier-Tage-Woche?

Die Vier-Tage-Woche bietet viele Vorteile und ist ein Modell für die Zukunft der Arbeit nach der Corona-Pandemie. Ein Gastbeitrag von Zukunftsforscher Daniel Dettling.

  • Die Corona-Krise gefährdet zahlreiche Arbeitsplätze.
  • Eine Maßnahme zur Erhaltung von Arbeitsplätzen könnte die Vier-Tage-Woche sein.
  • Bei vielen Arbeitnehmern geht der Trend ohnehin zu „Zeit statt Geld“.

Die Corona-Krise hat in vielen Ländern zum größten Einbruch der geleisteten Arbeitszeit geführt. Während die Große Koalition eine Verlängerung der staatlich geregelten Kurzarbeit bis in das kommende Jahr beschließt, schlägt der Vorsitzende der IG-Metall, Jörg Hofmann, ein neues Modell vor, um Massenentlassungen zu verhindern: die betrieblich vereinbarte Vier-Tage-Woche.

Schon vor Corona wünschte sich eine deutliche Mehrheit der Arbeitnehmer mehr Zeit für Familie, Erholung und Weiterbildung. Gut 100 Jahre nach der gesetzlichen Einführung des Acht-Stunden-Tags in Deutschland wird das bestehende Arbeitszeitmodell in Frage gestellt. Der Grund ist die weltweit größte Wirtschaftskrise seit 1945. Corona wird den Strukturwandel in etlichen Branchen beschleunigen – nicht nur in der Automobilindustrie.

Die Reduzierung der Arbeitszeit als Mittel gegen Massenentlassungen gab es in Deutschland schon einmal. 1993 vereinbarten die Tarifparteien die Vier-Tage-Woche für Volkswagen. Die Arbeitnehmer verzichteten auf rund zehn Prozent ihres Lohns und reduzierten ihre Arbeitszeit von 36 auf 28,8 Stunden. Auf die Woche verteilt waren das sechs Stunden pro Tag. Gerettet wurden 30.000 Arbeitsplätze. Heute ist das Dax-Unternehmen der größte Autoverkäufer der Welt. Die Vier-Tage-Woche hat damals nicht nur Personalkosten eingespart, sondern auch neue Energien freigesetzt: eine höhere Produktivität und größere Innovationsstärke.

Vier-Tage-Woche könnte Effekte der Corona-Krise auffangen

Kürzere Arbeitszeiten sind nicht nur eine Antwort auf ökonomische Notlagen, sondern längst auch ein gesellschaftlicher Trend. Wenn es nach den Beschäftigten ginge, wäre eine reduzierte Arbeitszeit längst die Norm. Ein Großteil der Arbeitnehmer hält den Acht-Stunden-Tag Umfragen zufolge für ein Auslaufmodell, mehr als 60 Prozent unterstützen den jüngsten Vorschlag der Gewerkschaft nach einer Vier-Tage-Woche, um die Effekte der Corona-Krise aufzufangen.

Studien kommen zu dem Ergebnis, dass sich die Arbeitszeitwünsche von Männern und Frauen in den vergangenen Jahren immer mehr angenähert haben. Und das obwohl die Arbeitszeitlandschaft zwischen den Geschlechtern immer noch sehr gespalten ist. Viele Paare wollen ihre Arbeitszeit gleichmäßiger aufteilen. Der gesellschaftliche Trend „Zeit statt Geld“ nimmt zu.

Die Wahlmöglichkeit wurde erstmals vor zwei Jahren in einem Lohntarifvertrag der Deutschen Bahn festgeschrieben. Die deutliche Mehrheit der Beschäftigten hat sich zur Überraschung der Arbeitgeber für mehr Urlaub entschieden. Bei den weiblichen Beschäftigten waren es fast zwei Drittel.

Corona-Krise: Arbeitsplätze durch weniger Arbeitszeit retten

Zu den Gründen gehört auch, dass eine steigende Zahl von Beschäftigten verdichteter und gestresster arbeitet als frühere Arbeitnehmergenerationen. Studien zeigen, dass sich die Lebensqualität der Mitarbeiter verbessert und Stress und Krankheitstage bei kürzeren Arbeitszeiten zurückgehen.

In sechs Stunden die gleiche Leistung bringen wie vorher in acht, ist laut Arbeitsexperten möglich, wenn die Bedingungen stimmen und die Beschäftigten mitgehen.

Statt Freizeit könnte die Zeit für mehr Weiterbildung in den Betrieben oder zu Hause genutzt werden. Qualifizierung wird zur neuen sozialen Frage in der nächsten Arbeitswelt. Mit einem „Freitag für Weiterbildung“ könnten auch Branchen ein Privileg nutzen, das heute für einen Großteil der Bürobeschäftigten zur „neuen Normalität“ gehört: das Homeoffice. Das Arbeiten zu Hause will eine große Mehrheit der Beschäftigten auch nach Corona zumindest teilweise fortführen.

Vier-Tage-Woche: Es braucht nach Corona innovative Ansätze

Beschäftigte in anderen Branchen als der gutverdienenden Industrie würden Einkommenskürzungen deutlich stärker treffen. Dazu gehören die Berufe im sozialen Sektor. So sind 80 Prozent der rund fünf Millionen Beschäftigten in den körperlich wie geistig anstrengenden Gesundheits-, Pflege- und Erzieherberufen Frauen.

Die Empfehlung des Pflegebevollmächtigten im Bundesgesundheitsministerium, Andreas Westerfellhaus, lautet 100 Prozent Lohn für 80 Prozent Arbeitszeit. Das Modell wäre freiwillig. Wer dennoch Vollzeit arbeiten will, erhält einen Lohnzuschlag.

Die ökonomischen Konsequenzen der Corona-Krise erfordern innovative Antworten. Radikaler als deutsche IG Metall-Vorsitzende war der britische Ökonom John Maynard Keynes. Mitten in der Wirtschaftskrise der 1930er-Jahre prognostizierte er für das Jahr 2030 sogar den Drei-Stunden-Tag. 2030 ist in nur zehn Jahren. (Daniel Dettling)

Daniel Dettling ist Zukunftsforscher und leitet das von ihm gegründete Institut für Zukunftspolitik in Berlin.

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