Gender Pay Gap

Frauen wollen mehr als nur Applaus

  • vonElke Hannack
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Seit Jahren gibt es die Forderung nach gleichem Lohn. Dabei bleibt es, und zwar gerade jetzt. Der Gastbeitrag.

Jetzt applaudiert man ihnen, den Frauen, deren Job kaum ein Mann machen möchte. Jetzt stehen sie im Mittelpunkt, die Beschäftigten in Krankenhäusern und Pflegeheimen. Sie, ja sogar die Verkäuferinnen und Kassiererinnen in den Supermärkten, gelten nun als „systemrelevant“. Sie halten die Läden und die Krankenhäuser am Laufen. Auf sie kommt es nun in der Krise an.

Arbeit am Menschen, Vollschicht, auch an Wochenenden. Waren schleppen, Regale einräumen und sich anmotzen lassen, wenn mal ein Produkt fehlt. Es gibt nur wenige Männer, die Krankenpfleger oder Verkäufer werden wollen. Wohl auch, weil diese frauendominierten Berufe so bescheiden bezahlt werden.

Nein, Applaus allein reicht nicht. Auch keine Corona-Zulage, wie von der Bundeslandwirtschaftsministerin erwähnt. Vielmehr sollte sich die Dankbarkeit regelmäßig zum Monatsende niederschlagen – in harten Euros auf dem Gehaltszettel.

Spätestens nach der Corona-Krise muss das drin sein. Denn auch wer in diesen Berufen arbeitet, will davon leben können, die Miete bezahlen und den nächsten Urlaub mit der Familie. Und natürlich sollte die Rente am Ende eines solch harten Arbeitslebens ebenfalls so auskömmlich sein, dass sie ohne staatliche Unterstützung gut reicht.

Heute ist allzu oft das Gegenteil der Fall – geringer Lohn, letztlich eine schmale Rente. Das gilt gerade für die frauendominierten Branchen. Viele von diesen Beschäftigten werden auf die Grundrente angewiesen sein, wenn sich nichts ändert.

Auf diese Missstände weisen die Gewerkschaften seit Jahren am Equal Pay Day hin. Die Dienstleistungsberufe endlich aufzuwerten, sie besser zu bezahlen, gehört seit jeher zu unseren Kernforderungen. Schließlich ist Deutschland mit seiner durchschnittlichen 20-Prozent-Lohnlücke zwischen Männer- und Frauengehältern eines der Schlusslichter in der Europäischen Union. Dass dies immer noch so ist, liegt auch daran, dass die Gesetze ins Leere laufen, die Frauen bessere Chancen am Arbeitsmarkt bringen sollten.

Viele Frauen bleiben außen vor, wenn Gesetze nur für mittlere oder größere Betriebe gelten und oft ohne Sanktionsmöglichkeiten erlassen werden. Das Entgelttransparenzgesetz gilt mit seinem Auskunftsanspruch nur in Unternehmen mit mehr als 200 Beschäftigten. Es verpflichtet die Unternehmen auch nicht, regelmäßig über ihre Gehaltsstrukturen zu berichten. Und die Brückenteilzeit kann nur nutzen, wer in einem Betrieb mit mehr als 45 Beschäftigten arbeitet.

Wer es ernst meint mit der Gleichberechtigung, muss diese Gesetze verschärfen. Hier auf Freiwilligkeit zu setzen, funktioniert nicht. Es reicht nicht, wenn die Arbeitgeber zum Frauentag Blumen verschenken, aber sonst eher auf die Bremse treten, wenn es um bessere Regeln für gleiche Gehälter oder um Führungspositionen für Frauen geht.

Stichwort Führungspositionen: Wir brauchen mehr Frauen auf allen Ebenen. Die verbindliche Quote von 30 Prozent wirkt nur, wo sie gilt, nämlich in den Aufsichtsräten von 107 Unternehmen, die unter das Führungspositionen-Gesetz fallen. Aber wo das Gesetz Unternehmen nur auffordert, sich Ziele für mehr Frauen an der Spitze zu setzen, passiert nichts. 70 Prozent der Unternehmen nehmen sich vor, es in ihren Gremien bei reinen Männer-Clubs zu belassen – sie geben sich munter die Zielquote „Null“.

Damit senden diese Unternehmen an die Bundesregierung das trotzige Signal: Eure Regelungen sind uns egal. Und ihre weiblichen Beschäftigten erfahren damit: Hier kommt ihr nicht weit. Wie lange wollen die Unternehmen noch solch verheerende Botschaften senden, während sie selbst über Fachkräftemangel klagen?

Es ist nicht hinnehmbar, dass 90 Prozent der Vorstände in deutschen Unternehmen Männer sind. Frauen erwerben heute genauso oft akademische Abschlüsse. Gemischte Teams sind nachweislich erfolgreicher. Zwei Drittel der Firmen, die sich um Geschlechtervielfalt in ihren Führungspositionen bemühen, konnten ihre Gewinne um fünf bis 20 Prozent steigern, teilt die Internationale Arbeitsorganisation mit.

Es ist richtig, dass die Bundesfrauenministerin und die Bundesjustizministerin sich vorgenommen haben, das Führungspositionen-Gesetz zu verbessern. Die Aufsichtsratsquote soll für mehr Unternehmen gelten, und Vorstände mit mehr als drei Mitgliedern sollen mindestens eine Frau in ihren Reihen haben.

Auch wenn es angesichts der aktuellen Herausforderungen noch einmal schwerer wird, dies durchzusetzen: Das Vorhaben ist wichtig. Es ist ein Eisbrecher für einen grundlegenden Kulturwandel in der Arbeitswelt. Denn wo Entscheidungen getroffen werden, müssen Frauen und ihre Bedürfnisse stärker einbezogen werden. Dafür braucht es Applaus, auch nach Corona.

Elke Hannack i st stellvertretende Bundesvorsitzende des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB).

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