KOLUMNE

Frau Mehlow geht wählen

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In Brandenburgs Norden wird es langsam bunt, denn alle haben ihre Plakate aufgehängt: CDU, SPD, Grüne, Linke, AfD, Ingo Appelt und der Baumarkt.

Das Leben im nördlichen Brandenburg geht seinen gemächlichen Gang. Es hat zu wenig geregnet, sagen die Leute. Und die Wiesen sind ganz gelb. In den Dörfern haben viele jetzt Mähtraktoren, da sieht es besser aus. Kurz mal drüber und etwas Wasser aus der Regentonne, das geht schon.

Der Wahlkampf ist in vollem Gange. Auch im dünn besiedelten Norden. Viele Wahlkampfveranstaltungen gibt es hier noch nicht. Es ist Sommer, es hat noch Zeit.

Neulich traf ich Frau Mehlow. Sie gehörte zu den wenigen, die beim offiziellen Sommerdorffest auch die alte Gärtnerei besuchte, in der sich Zugezogene, meist Berliner, an Ökoeis und japanischem Kuchen erfreuen. Frau Mehlow war die Frau des Bäckers im Dorf. In den 1980er Jahren habe ich mal in der Bäckerei geholfen. Um 3 Uhr früh ging es los, um 7 Uhr gab’s Frühstück mit frischen Schrippen. Der Laden existiert schon lange nicht mehr.

Wir begrüßen uns herzlich. Eine sehr nette Frau. Ihre Tochter lebt im Westen und ist Zugführerin im Nahverkehr. In Hamburg, sagt sie stolz. Für sie sei das nichts, sagt Frau Mehlow. Zu viele Menschen, zu viele Autos und echt viel zu viele Ausländer. Ihre Tochter findet das toll.

Plakate, sehr viele, in unterschiedlichen Größen und Farben, hängen in der Stadt nebenan. Sie verschwimmen im Vorbeifahren. An den Laternenmasten werben nicht nur Parteien. Blau, rot, rosa, weiß, kleine und große Schrift – die Grafiker in Deutschland sind nicht sehr einfallsreich. Porträts von Politikern mit einer Unterzeile. Oder war es die Ankündigung eines Auftritts von Ingo Appelt?

Appelt direkt unter dem Bild eines Kandidaten der Freien Wähler. Die Highländer im Hansapark grüßen das Bild einer Frau vor dem riesigen Schriftzug: HEIMAT. EIN Brandenburg steht da. Das Logo der SPD ist winzig. Eine Ecke weiter strahlt der Kandidat der CDU. Ein stolzes Landei, wie er selbst sagt.

Die einzigen grafisch logischen und klaren Plakate kommen von den Grünen. Die Linkspartei schwimmt in Pastellfarben mit Wörtern wie Wut, ABC, Biene, Arzt und so. Sie rauschen am Betrachter einzeln vorbei und hinterlassen ein melancholisches Gefühl.

Anders sieht die Ankündigung „Räumungsverkauf beim Baumarkt“ aus. Hammermäßig eben. Die ähnelt dem Plakat der FDP: knallige Farben und eine für die ländliche Region wichtige Botschaft: „Bildung for Future“. Statt Schuleschwänzen an Freitagen, vermute ich.

Rockabillynight paart sich mit „Hol dir dein Land zurück“ von der AfD, Tanz in den Sommer und „Vollende die Wende“. Die AfD hat noch mehr Glück mit ihrem Blau. „Machen Sie einfach BLAU!“ steht auf einem großen Aufsteller mit zwei für die AfD ungewöhnlich sympathischen Menschen. Es ist eine Werbung für Uckerstrom.

Das beste Blau aber kommt mit Rot. „Sozial, ohne rot zu werden“, sagt der AfD-Kandidat auf einem Foto. Direkt gegenüber antwortet das Bild eines Mannes mit irritiertem Blick in AfD-blauen Lettern: „Brennt’s im Schritt?“ Dann „lassen Sie sich auf sexuell übertragbare Infektionen testen“. Bitte ohne rot zu werden.

Frau Mehlow gab mir zum Abschied die Hand. Wir beide haben uns sehr gefreut, einander zu treffen. „Keine Sorge“, sagte sie mir noch im Gehen, „ich wähle auf keinen Fall AfD, die sind mir echt zu …“ – sie sucht nach einem passenden Wort – „zu versaut.“ Ich musste sehr lachen.

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