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Wenn dem Baum die Rinde fehlt, sterben Borkenköfer ab. 

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Frau Klöckner ruft in den Wald

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Die Bäume haben Stress, nur den Schädlingen geht es gut. Die zuständige Ministerin will jetzt etwas dagegen tun. Das wird schwer. Der Kommentar.

Während die jungen Aktivisten von Fridays for Future auf Straßen lärmen, um dem Klimaschutz Gehör zu verschaffen, Berliner Koalitionäre verbissen um jedes Detail eines Klimagesetzes ringen und sich konservative Politiker inzwischen gegenseitig mit Klima-Vorschlägen übertreffen, leidet Deutschlands größter Klimaschützer still vor sich hin.

Er ist 11,4 Millionen Hektar groß, bedeckt ein Drittel der Fläche der Bundesrepublik und entlastet die Atmosphäre jährlich um etwa 52 Millionen Tonnen Kohlendioxid. Der Wald ist eines der deutschen Markenzeichen.

Dass Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner (CDU) nun mit großem Tamtam einen nationalen Waldgipfel ausruft und einen Masterplan zum Erhalt der Wälder ankündigt, ist aller Ehren wert und auch dringend notwendig. Leider beschleicht einen bei der Betrachtung deutscher Forstpolitik das Gefühl, hier sollten kurzfristig ein paar Beliebtheitspunkte eingesammelt werden – weil Klimaschutz gerade en vogue ist. Das wäre fatal.

Der Zustand der deutschen Wälder hat sich in den letzten Jahren kontinuierlich verschlechtert. Forstleute, die selten zu Dramatisierungen neigen, weisen schon lange darauf hin, dass der Wald derzeit in einem weitaus kritischeren Zustand ist als zu Zeiten der Waldsterben-Debatte vor knapp 40 Jahren.

Damals wurden am Ende Kohlekraftwerke mit Filtern und Autos mit Katalysatoren ausgerüstet. Heute sind lichte Baumkronen, vorzeitige Entlaubung und der massive Befall der Bäume mit Schädlingen auch für Laien klar erkennbare Zeichen, dass irgendetwas nicht stimmt unter den Wipfeln. Das letzte, sehr trockene Jahr war schwierig. Bundesweit gingen 110 000 Hektar Wald verloren. Dieses Jahr wird wahrscheinlich noch schwieriger: Fast die gesamte Population der Borkenkäfer konnte überwintern, frisch gepflanzte Bäume sind vertrocknet.

Schädlinge oder Wetterkapriolen sind für Bäume kurzfristige Faktoren, die sie häufig bewältigen können. Klimaveränderungen sind hingegen langfristiger Natur. Und sie vollziehen sich viel schneller, als die langsam wachsenden Wälder darauf reagieren können. Fachleute reden vom Klimastress der Bäume. Wir sollten hier für einen Stressabbau sorgen – mit kurzfristig startenden Maßnahmen und langfristigen Zielen.

Wenn Julia Klöckner nun den Wald zu ihrem Thema macht, indem sie den Kampf gegen die Klimakrise durch Maßnahmen in der Land- und Forstwirtschaft aufnimmt, dann könnte sie ganz groß rauskommen – es wäre ihr gegönnt. Dafür ist langer Atem nötig. Bislang ist die Ministerin nicht über Ankündigungen hinausgekommen. Sie wird die Frage beantworten müssen, wie viel Geld und Kraft uns die Aufforstung widerstandsfähiger Wälder, weiterer Verzicht auf wirtschaftliche Verwertung und die Entwicklung klimatauglicher Baumarten wert sind. Auch hier gilt: Wie man in den Wald hineinruft...

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