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Papst Franziskus in Bangui.
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Papst Franziskus in Bangui.

Reise nach Afrika

Franziskus - ein Papst mit Mut

  • Johannes Dieterich
    VonJohannes Dieterich
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Papst Franziskus hat in Afrika die richtigen Worte zu sozialem Unrecht und dem Verhältnis zwischen Christen und Muslimen gefunden. Zur der Heuchelei der eigenen Institution leider nicht. Der Leitartikel.

Den schwierigsten – und gefährlichsten – Teil seiner Afrikareise sparte sich Franziskus für den letzten, den sechsten Tag auf. Das Oberhaupt der katholischen Kirche begab sich am Montagmorgen in den „PK 5“ genannten muslimischen Teil der zentralafrikanischen Hauptstadt Bangui, der von christlichen Milizionären regelrecht belagert wird: Das letzte Ghetto der wenigen noch in der Stadt verbliebenen Muslime, die hier ein Leben in Angst und hinter Straßensperren führen. Im PK 5 war es bis kurz vor der Ankunft des Papstes noch zu tödlichen Zwischenfällen zwischen christlichen und muslimischen Milizen gekommen, weswegen die französische Schutztruppe dem Papst von einem Besuch dringend abgeraten hatte. Wenn man ihn nicht landen ließe, werde er eben mit dem Fallschirm abspringen, entgegnete Franziskus nur halb im Scherz. Die weltweiten Spannungen zwischen Christen und Muslimen waren das Generalthema der ersten Afrikareise des Papstes, seiner elften Auslandsreise als Pontifex. In der Zentralafrikanischen Republik waren diese Spannungen bereits vor zweieinhalb Jahren eskaliert. Jeder weiß jedoch, dass dahinter wie einst in Nordirland oder zwischen Indien und Pakistan nicht wirklich religiöse, sondern vielmehr politische Gründe standen und stehen. Politiker und Warlords pflegen die religiösen Differenzen auszunutzen, um ihre selbstsüchtigen Ziele zu erreichen.

In vielen anderen Teilen Afrikas leben Angehörige verschiedener Religionen – auch Christen und Muslime – vollkommen friedlich nebeneinander. „Wir sind Brüder“, sagte Franziskus den verängstigten Ghetto-Bewohnern. Allein mit diesem Sätzchen trug er zur Entspannung in dem Bürgerkriegsstaat, wo Ende Dezember Wahlen stattfinden sollen, gewiss mehr bei als die vor Ort stationierten 10 000 UN-Soldaten. Schon allein deshalb hat sich die Reise des Kirchenführers in den Kontinent gelohnt: Kein anderer Mensch der Welt konnte an diesem Ort und zu dieser Zeit mehr ausrichten als „der politische Papst“ aus Rom.

Das christlich-muslimische Verhältnis stand auch während der ersten Etappe der päpstlichen Reise im Vordergrund. Nur dass in Kenia eindeutig die Muslime (in Gestalt der somalischen Al-Schabab-Miliz) als Täter in Erscheinung treten, während Christen in der Regel Opfer des Terrors werden. Franziskus machte die kenianischen Christen darauf aufmerksam, dass nicht jeder Muslim ein Terrorist und nicht jeder Terrorist ein Muslim ist. Ein von den extremistischen Islamisten angestrebter Religionskrieg soll um alles in der Welt vermieden werden.

Dass ausgerechnet der Nachfolger der Kreuzzugsführer zur Mäßigung aufruft, müsste all jenen zu denken geben, die sich derzeit im fernen Europa zu einem solchen Waffengang rüsten.

Doch Franziskus Botschaft in Kenia ging noch weiter. Die eigentliche Kraft, die den „Heiligen Kriegern“ ihr Kanonenfutter in die Arme treibt, ist für den Papst die Armut: Die Erfahrung zeige, dass sich der Terror von Angst, Misstrauen und der aus der Armut geborenen Verzweiflung nähre, sagte das Kirchenoberhaupt.

Korrupte Eliten

Verantwortlich für diese Armut seien nicht nur die einstigen Kolonisatoren und heutigen Ausbeuter viel zu billiger Rohstoffe. Auch die korrupten Eliten der Entwicklungsländer werden von Franziskus zur Verantwortung gezogen. Sich an „Macht und Reichtum klammernde Minderheiten“ würden „eine wachsende Mehrheit in dreckige und verwahrloste Außenbezirke“ verbannen, wütete Franziskus nach dem Besuch eines stinkenden Slums in Nairobi. Stärkere Worte zum sozialen Unrecht hat noch keiner seiner unfehlbaren Vorgänger gefunden. Dieser Papst macht aus seinem nach Gerechtigkeit schreienden Herzen keine Mördergrube.

Zumindest wenn es um politische Themen geht. Die Grenzen der päpstlichen Ausdruckskraft kamen bei seiner Zwischenetappe in Uganda zum Vorschein. Dort hätte sich eine aufrichtige Auseinandersetzung mit der Engstirnigkeit und Heuchelei der eigenen Institution angeboten. Das Verhältnis der von Sexskandalen gebeutelten Kurie zu Homosexuellen etwa, die in Uganda mit Haftstrafen und Lynchmorden verfolgt werden; oder zum Zölibat, das in vielen afrikanischen Ländern sicher zu Recht in Frage gestellt wird; oder zum Gebrauch von Kondomen, die auf dem von der Aids-Epidemie besonders gebeutelten Kontinent unzählige Leben retten könnten.

Er sei sich sicher, dass Franziskus die Homosexuellen gerne in Schutz genommen hätte (wie er es an anderer Stelle bereits getan hatte), meinte ein ugandischer Schwulenaktivist. Doch die in Fragen der Sexualethik erzreaktionäre afrikanische Kurie habe dies offenbar zu verhindern gewusst.

Zeigte der „politische Papst“ in Afrika Mut wie kein anderer seiner Vorgänger, so blieb dem Seelsorger Franziskus offenbar die Sprache weg: Gebe Gott, dass sich auch das bald ändert.

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