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Frankreich braucht ein Antidepressivum

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Von: Axel Veiel

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Die von Gewalt überschatteten Proteste in Frankreich wirken nur noch beklemmend.
Die von Gewalt überschatteten Proteste in Frankreich wirken nur noch beklemmend. © dpa

Frankreich ist vor dem Europameisterschaft in beklagenswertem Zustand. Auf der Nationalelf ruht die Hoffnung, dass alles wieder besser wird - der Leitartikel.

Protestieren kann befreiend sein. Verkrustete Strukturen aufbrechen, neuen Ufern entgegen streben, das hat was. In Frankreich, dem Land der Revolution, der Protestkultur, muss man das niemandem erklären. Nur, die von Gewalt überschatteten Proteste, die dort seit Monaten mal hier, mal dort aufflammen, wirken nicht befreiend. Sie wirken beklemmend. Ob Eisenbahner, Fluglotsen, Piloten, Raffinerie-Arbeiter, Angestellte der Elektrizitätswerke oder Taxifahrer: Diejenigen, die Verkehrswege oder Energieversorgung blockieren oder dies während der Fußballeuropameisterschaft noch zu tun gedenken, sind keine Revolutionäre. Sie weisen nicht den Weg zu neuen Ufern, der eigenen Branche nicht und dem Rest der Franzosen schon gar nicht.

Die den Kommunisten nahestehende Gewerkschaft CGT, die den Protest anführt, streitet für den Erhalt des Bestehenden. Um Besitzstandwahrung geht es ihr, nicht um eine sozial möglichst gerechte Gestaltung des Wandels, der Schienen- und Luftverkehr erfasst hat wie auch die Energiewirtschaft. Vorschläge, wie der Arbeitsmarkt der Zukunft aussehen sollte, der Unternehmen mehr Flexibilität und Beschäftigten mehr Sicherheit bringt? Sozialer Dialog? Totale Fehlanzeige. Da ist nur die Absage an eine von der Regierung bereits weitgehend ausgebeinte Reform und der Ruf nach Erhalt des Status quo.

So verhängnisvoll dies für Frankreich ist, für die Aufbegehrenden zahlt sich der Konfrontationskurs aus. Die sozialistische Regierung ist erschreckend schwach. Von Parteirebellen herausgefordert, in der Nationalversammlung in die Minderheit geraten, genießt sie im Volk kaum noch Rückhalt. Die Zustimmung zu Staatschef Francois Hollande und seinem Premier Manuel Valls ist auf rund 15 Prozent gesunken. Hinzu kommt, dass die Regierung als EM-Gastgeberin erpressbar ist. Um das der Uefa versprochene glanzvolle Fußballfest auszurichten und Frankreichs durch Streiks und Blockaden lädiertes Ansehen aufzupolieren, zahlt sie fast jeden Preis. Wer aufbegehrt, hat beste Aussichten, zu bekommen, was er will. Gruppeninteressen dominieren. Das Gemeinwohl hat das Nachsehen.

Bestes Beispiel sind die streikfesten Eisenbahner. Sie haben der bereits mit 50 Milliarden Euro verschuldeten Bahngesellschaft SNCF den Erhalt aus Zeiten staatlichen Beförderungsmonopols stammender Arbeitszeitregelungen abgetrotzt. SNCF-Chef Guillaume Pepy, der unter diesen Voraussetzungen keine Möglichkeit mehr sieht, privaten Anbietern Paroli zu bieten, hat frustriert seinen Rücktritt angeboten.

Die Angst vor Anschlägen lähmt

Und als wäre die Regierung an der Arbeitskampffront nicht schon genug gefordert, ist kurz vor der EM auch noch der Konflikt zwischen alteingesessenen Franzosen und den Nachfahren arabischer oder afrikanischer Immigranten in neuer Heftigkeit entbrannt. Real Madrids aus Algerien stammender Stürmerstar Karim Benzema, der sich einem Ermittlungsverfahren wegen Beihilfe zu versuchter Erpressung ausgesetzt sieht und deshalb nicht in die Nationalmannschaft berufen wurde, hat den Coach der Blauen beschuldigt, sich araberfeindlichem Druck gebeugt zu haben.

So absurd die Vorwürfe an die Adresse des Trainers einer Multi-Kulti-Mannschaft auch sind, sie haben genügt, um eine landesweite Polemik auszulösen. Was schmerzlich daran erinnert, dass es weniger in der Nationalelf als vielmehr in der französischen Gesellschaft erheblich an Integration mangelt. Womit freilich die politischen und gesellschaftlichen Herausforderungen zum Auftakt der EM noch immer nicht erschöpfend aufgezählt sind. Hinzu kommt nämlich noch der Kampf gegen den Terror. Die Angst vor Anschlägen ist ungebrochen. Sie lähmt. Sie deprimiert.

Was nützt da schon, dass der 2017 ein zweites Mandat anstrebende Staatschef darauf verweisen kann, dass es wirtschaftlich bergauf geht. Da mögen Fachleute noch so oft bestätigen, dass Frankreich ein leichtes Wirtschaftswachstum verzeichnet und einen leichten Rückgang der Arbeitslosigkeit – dem niedrigen Ölpreis, niedrigen Eurokurs und niedrigen Zinsniveau sowie der verringerten Abgabenlast für Unternehmen sei Dank. Das Lebensgefühl der Franzosen straft Politiker und Ökonomen Lügen. Frankreich geht das größte europäische Fußballfestes in einem beklagenswerten Zustand an.

Aber vielleicht geschieht ja ein Wunder. Eines wie jenes von 1998. Die schon damals von Fliehkräften erfasste Nation lag sich nach dem Gewinn der Fußball-WM im eigenen Land freudetrunken in den Armen. Schwarze, Weiße und die Nachfahren nordafrikanischer Einwanderer würden fortan zum Wohle aller ihre Kräfte bündeln. Das schien beschlossene Sache.

Staatschef Hollande scheint zu hoffen, dass die Nationalelf 18 Jahre später Ähnliches vollbringt. Er speist mit den Blauen im Trainingslager vor den Toren von Paris, er wird alle ihre Spiele besuchen. Und ein paar Wochen kollektiver Fußballglückseligkeit, wer würde sie den Franzosen nicht gönnen. Auf dass sie neuen Mut fassen, zu neuen Ufern aufbrechen.

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