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In Frankfurter Gerichtssälen verboten: das Laptop.
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In Frankfurter Gerichtssälen verboten: das Laptop.

Prozesse

Frankfurter Gerichtsfolklore

  • Stefan Behr
    VonStefan Behr
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Andere Städte, andere Sitten. Gerade die Frankfurter Justiz hat ihre ganz eigenen Bräuche. Die muss man Auswärtigen erst mal erklären. Quasi Willkommenskultur. Die Kolumne.

Bei der Frankfurter Justiz gibt es den uralten Brauch, bei großen Prozessen den anreisenden Journalisten an der Gerichtstür Handy, Laptop und Tablet abzunehmen. Das ist nicht weiter tragisch, denn man bekommt später alles zurück, und die Arbeit muss auch nicht darunter leiden, denn das Mitnehmen von Stift, Papier, Holzkohle oder Papyrus ist ausdrücklich erlaubt. Die Frankfurter Gerichtsreporter haben sich längst daran gewöhnt und nehmen das Phänomen mit derselben Gelassenheit wie der Hurenbock die Franzosenkrankheit: unschön, aber nun einmal unausrottbar, und es hat ja auch Tradition.

Unschön wird’s bloß, wenn Kollegen von außerhalb kommen, was bei großen Prozessen mitunter der Fall ist. Die fangen sofort an, rumzunölen, als hätte man sie ihrer Ohren, Augen und Finger beraubt. So könnten sie nicht arbeiten, geht das Gemaule, ihre Redaktionen wollten betwittert, beblogt und benachrichtigt werden.

Erfahrene Kollegen von außerhalb lösen das Problem, indem sie Praktikanten mitbringen, diese mit Laptops im nahen Park oder im Treppenhaus platzieren und ab und zu aus dem Gerichtssaal bei ihnen vorbeischauen, um sie mit Informationen und Naschwerk zu füttern. Junge Kollegen von außerhalb fragen hingegen, was das alles zu bedeuten habe. Vor allem die verschrobenen Bayern sagen, selbst beim NSU-Prozess könne man bedenkenlos während der Verhandlung auf seinem Laptop herumklimpern: Und in sämtlichen Gerichtssälen dieser Republik hätte mittlerweile modernes journalistisches Handwerkszeug Einzug gehalten, nur in Frankfurt nicht. Warum dem so sei, wollen alle wissen, und die Bayern ganz besonders.

Das Handy raubt die Seele

Dann wird’s für uns Frankfurter ein bisserl peinlich. Denn Frankfurter Richter haben eine Heidenangst davor, die Journalisten könnten mit ihrem modernen Hexengerät unerlaubt Film- und Tonaufnahmen machen. In München, Hamburg und Berlin hat man offenbar mehr Vertrauen in die Journaille. Das ist uns Frankfurtern furchtbar peinlich, und darum erfinden wir eine Erklärung. In der Regel hat die mit Aberglauben und Brauchtum zu tun. Beliebt ist etwa die Erklärung, Frankfurter Richter seien der Überzeugung, dass ihnen durch ein Handy-Foto die Seele geraubt werde. Oder wir verweisen auf die Frankfurter Schule unter Adorno und Habermas, die den Einsatz von Laptops innerhalb geschlossener Räume generell verbiete sowie das Kiebitzen nur nach einer Seite erlaube.

Das ist zwar Blödsinn, aber vor allem die Bayern fressen diese Erklärungen und erzählen begeistert, dass es in ihrer Heimat so manch seltsamen Brauch gebe. So zögen etwa in der Gegend von Passau in der Nacht auf Pfingstmontag Burschen von Haus zu Haus, um dort Verse auf Mundart vorzutragen. Nach jedem Vers würden diese „Wasservögel“ von den Hausbewohnern mit Wasser übergossen – auch nicht schön. Aber hinterher gäbe es einen Schnaps für umme. Ob es hier auch einen Schnaps gäbe, wollen die Bayern dann wissen.

Nein, sagen wir dann immer, am Frankfurter Gericht gäbe es keine Laptops, keine Handys, keinen Schnaps. Überhaupt tränke man hier keinen Schnaps, sondern ein wohlschmeckendes Getränk namens Ebbelwei, und hin und wieder laden wir die auswärtigen Kollegen zu einem Schoppen beim Wirt ums Eck ein. Meistens sehen wir diese Kollegen in Frankfurt dann nicht so schnell wieder. Der Himmel weiß, warum.

Stefan Behr ist Gerichtsreporter der FR.

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