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Boris Reitschuster scheint einen vielschichtigen Freundeskreis zu haben.

Kommentar

Wenn Boris Reitschuster über den Frankfurter Hauptbahnhof twittert

Auf seinem Twitter-Account werden dem Journalisten Boris Reitschuster viele Fragen gestellt. Sein neues Lieblingsthema: Der Frankfurter Hauptbahnhof. Ein Kommentar. 

Twitter ist ein großartiges Netzwerk, um seine Meinung mit der Welt zu teilen. Jeder kann gehört werden und auch anderen zuhören, mithilfe der Hashtags lassen sich gebündelt alle Meinungen zu einem einzigen Thema finden. Ganz zu schweigen von Aktionen, wie #PorteOuverte beim Anschlag auf das Bataclan in Paris, als die Einwohner der Stadt ihre Türen für fremde Menschen öffneten, die auf der Flucht vor dem Terror waren.

Twitter: Eine Vielfalt von Accounts

Da sind Menschen, die ihren Followern von Problemen des Alltags berichten, da sind Seiten, die es sich zur Aufgabe gemacht haben, Weisheiten mit der Welt zu teilen. 

Und dann gibt es da auch noch die dunkle Seite von Twitter. Ganz besonders die CDU war in der letzten Zeit sehr in den Schlagzeilen, als sie sich mit jedem Tweet gegen den YouTuber Rezo und die Jugend im Allgemeinen immer wieder aufs Neue blamierte. 

Boris Reitschuster: Ein Account der Fragenden

Es gibt aber auch die etwas kleineren Accounts, die sich lohnen, unter die Lupe genommen zu werden. Einer, um den es heute gehen soll, gehört dem Journalisten Boris Reitschuster (@reitschuster), 16 Jahre lang Büroleiter des FOCUS in Moskau gewesen und zurzeit mit einer Followerschaft von immerhin 8994 Abonennten auf der Plattform unterwegs. 

In seiner Beschreibung warnt er schon einmal vor, womit der User auf dieser Seite rechnen muss: "allergisch geworden gegen Ideologen, Sozialismus-Notalgiker und Journalisten, die die Regierung loben". 

Bei diesem Tweet bekommt der Besucher einen kleinen Vorgeschmack, was sich durch das gesamtes Profil des Boris Reitschuster zieht: Die Schlüsse, die er in Bezug auf die aktuellen Gesellschaft und der Medienlandschaft folgert, stammen in der Regel aus Informationen von "Insidern" oder auch aus Fragen, die er gestellt bekommt. 

Dabei scheint er ein sehr gefragter Mann zu sein, denn tatsächlich bekommt Boris Reitschuster über mehrere Tage hinweg genau die Fragen gestellt, die er braucht, um in Tweets seine eigenen ideologischen Vorstellungen zu präsentieren. Sein aktuelles Thema: Die Tat am Frankfurter Hauptbahnhof.

Dort hatte ein Mann aus Eritrea, der seit 2006 in der Schweiz lebt, einen 8-jährigen Jungen und seine Mutter auf die Gleise eines ICE gestoßen. Der Junge starb. 

Ein erstes Beispiel dieser Art von Tweets stammt vom 1. August. Natürlich kann auf diese Weise niemand nachprüfen, ob es diese Tochter des Bekannten wirklich gibt und ob sie genau diese Worte gesagt hat. 

Diese Tatsache ist selbstverständlich praktisch: Denn so kann Reitschuster jene vermeintliche Tochter dazu benutzen, um gegen eine Ideologie zu schreiben, die es gar nicht gibt. Wenn ein Mensch Angst hat, hat er Angst - es gibt niemanden, der sich dann hinstellt und behauptet, ein Rassist zu sein, weil er sich in einem Moment gefürchtet hat.

Gleiches Thema, andere Frage von anderen Freunden und Bekannten. Woher haben diese ausländischen Freunde eigentlich ihre Quellen für eine solche Behauptung? Seit dem schrecklichen Vorfall am Montag sind es hauptsächlich Trauer, Fassungslosigkeit und Mitgefühl, die Frankfurt bestimmen - und keine Wut auf die Menschen, die wütend auf den Täter sind. 

Vielmehr geht es um die Wut auf rechte Hetzer, die die schreckliche Tat benutzen, um ihre Propaganda zu verbreiten, denen aber vermutlich der Tod des Jungen völlig gleichgültig ist.

Genauso wenig gilt das für die beschriebene Emotion der Angst. Reitschuster geht es hier nicht um Empathie für die trauernde Familie, die Mutter, es geht mal wieder alleine um eine Anprangerung der angeblichen "Ideologen". 

Weiter zu einer anderen Frage eines anderen Bekannten, oder nein. Diesmal ist es ein befreundeter Arbeiter - Reitschuster hat einen auffällig vielschichtigen Bekanntenkreis -, der den Journalisten zu seinem Steckenpferd befragt: der Ideologie (die hasst er ja, nicht vergessen!). 

Und noch einmal: Es geht bei der furchtbaren Tat am Frankfurter Hauptbahnhof um eine nötige Empathie den Trauernden gegenüber und nicht um einen Vergleich, der so derart an den Haaren herbeigezogen ist! Es ist ekelhaft, verschiedene Ereignisse gegeneinander aufzuwiegen, denn die Ermordung eines 8-Jährigen ist unbestritten eine Tragödie. 

Das gibt CDU-Chefin Annegret Kramp-Karrenbauer trotzdem keinen Freifahrtschein für ihre "Witze" an Fasching. Reitschuster scheint an dieser Stelle einen Arbeiter zu konstruieren, der Probleme mit einer vermeintlichen Ideologie hat, die so gar nicht existiert. Zusätzlich stimmen die Probleme seiner Freunde zufälligerweise immer mit seinen persönlichen Ansichten überein.

Das Thema Frankfurter Hauptbahnhof

Zum Schluss noch ein besonderes Schmankerl, diesmal von einer jüdischen Freundin, die einen Rückfall in Moralismus (die Ideologie!) befürchtet. Damit ist die konstruierte Gesellschaft Reitschusters übrigens perfekt: Ausländische Freunde, Insider, Arbeiter, Juden sowie Kinder von Bekannten. Ist jemand vergessen worden?

Geht übrigens wieder um den Frankfurter Hauptbahnhof und den toten Jungen. 

Negierung einfacher Kausalzusammenhänge meint hier was genau? Darauf geht Reitschuster leider nicht näher ein, vielmehr lässt er Vermutungen im Raum stehen und schürt Ängste, anstatt mit der Stimme der Vernunft zu sprechen. 

Denn genau das soll der Journalismus leisten - er soll informieren und einordnen, nicht die Bevölkerung aufhetzen. Exakt das Letztere leistet der allzeit gefragte Boris Reitschuster mithilfe seiner womöglich imaginären „Freunde“ in den Tweets. 

Er hetzt.

Von Annalena Barnickel

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