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Ein Meer aus Blumen, Kuschetieren und Beileidsbekundungen am Gleis 7 im Frankfurter Hauptbahnhof.

Leitartikel

Nach dem Verbrechen am Hauptbahnhof Frankfurt: Was in der Debatte schiefläuft

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Was hat den Täter vom Hauptbahnhof Frankfurt getrieben? Wie auch immer die Antwort: Es ist kein Grund, gegen Flüchtlinge zu hetzen. Der Leitartikel.

Der ICE Düsseldorf–München fuhr am Dienstag früh planmäßig ein, die Polizeiabsperrung auf Gleis 7 war aufgehoben, die Kioskverkäufer gingen ungestört ihren Geschäften nach. Nur wenige Reisende widerstanden der morgendlichen Hektik, um sich den Gedenkort mit Blumen und Plüschtieren in der Nähe des Tatorts anzuschauen. Fast Alltagsbetrieb am Frankfurter Hauptbahnhof.

Auch für die Medien war das Verbrechen nicht mehr so wichtig. Nur einen Tag nach der Tat wurde es zum Nachrichtenthema unter anderen. Dass ein Mann einen kleinen Jungen ermordet hat, indem er ihn vor einen Zug stieß, dass er beinahe auch dessen Mutter getötet hätte – schrecklich, unfassbar, aber medial offenbar weniger interessant als Boris Johnson oder die EZB. Kein Innehalten.

Wie anders ist doch das Empfinden der meisten Menschen in ihrem privaten Umfeld. Da bestimmt Entsetzen die Gedanken und Gespräche. Was treibt einen Familienvater zu einer so monströsen Tat? Wie gewalttätig – oder psychisch krank – muss ein Mann sein, der einem Kind so etwas antut? Welches Motiv hatte er? Gab es überhaupt eines?

Tat am Hauptbahnhof Frankfurt: Vor Überfällen gibt es keinen ausreichenden Schutz

Und schnell mischt sich in die Fassungslosigkeit, die der gewaltsame Tod des Kindes ausgelöst hat, der Schrecken. Es hätte jeden treffen können, auch einen selbst, auch das eigene Kind. Vor einer derart brutalen Willkür ist niemand sicher. Wo das Leben pulsiert wie an Bahnhöfen oder Flughäfen, wo Passanten öffentliche Orte und Plätze bevölkern, ist die Gefahr besonders groß. Sollen wir Menschenmengen deswegen meiden? Müssen wir uns in Zukunft genau umschauen, bevor wir an die Bahnsteigkante treten? Oder besonders großen Abstand halten, wenn der Zug einfährt?

Vor heimtückischen Überfällen, vor Terrorattacken gibt es keinen ausreichenden Schutz. In einer offenen Gesellschaft ist das allen bewusst. Dennoch bewegen uns diese Fragen nach jedem Anschlag, jedem mörderischen Amoklauf – völlig zu Recht. Ein Mensch ohne Angst hat einen wichtigen Teil seiner Sinne verloren.

Vorurteile und Ressentiments mit Ängsten schüren

Aber: Wer Ängste benutzt, um Vorurteile und Ressentiments zu schüren, nimmt sich keineswegs der berechtigten Sorgen von Menschen an. Dann geht es ausschließlich darum, niedere Instinkte und eine Ideologie der Ungleichheit zu bedienen. Diese Instrumentalisierung einer Gewalttat setzte auch nach dem Mord in Frankfurt umstandslos ein. Kaum waren die ersten Meldungen gelaufen, kaum hatte die Polizei die Identität des Täters veröffentlicht, tobte die Hetze gegen Flüchtlinge und Migranten.

Ja, es ist ein Schwarzer aus Eritrea, der im Frankfurter Bahnhof zum Mörder wurde. Ja, er hat eine andere Hautfarbe und keinen deutschen Pass. Ja, auch unter Menschen anderer Nationalitäten befinden sich Kriminelle. Und was folgt daraus? Gar nichts – außer dass ein Mann ein furchtbares Verbrechen begangen hat, für das ihm der Prozess gemacht werden muss. Hilft das Wissen um den Hintergrund des Täters den Opfern? Der verletzten Mutter, dem toten Kind? Mitnichten. Es ändert nichts an dem Trauma.

Tat am Hauptbahnhof Frankfurt: Rechter Diskurs durchdringt öffentliche Debatte

Warum also ist es so selbstverständlich geworden, die Herkunft eines Gewalttäters mit der Gewalttat in unmittelbare Beziehung zu setzen? Selbst seriöse Medien setzen sich inzwischen dem Vorwurf aus, relevante Informationen zu unterdrücken, wenn sie sich bei der Identitätsangabe zurückhalten. Gibt es nicht nach wie vor die Richtlinie des deutschen Presserats, dass die ethnische oder religiöse Zugehörigkeit eines Verdächtigen nur erwähnt werden soll, wenn ein begründetes öffentliches Interesse besteht?

Lesen Sie auch den Kommentar: Hetzer, haltet mal den Mund!

Jede nur denkbare Gewalt, alle Gräueltaten wurden und werden hierzulande auch von Tätern mit deutschem Pass begangen. Vergewaltigung – findet massenhaft im familiären deutschen Umfeld statt. Missbrauch – die Kinderschänder sitzen in deutschen Schulen und Kirchen. Mord und Totschlag – wie viele der Verurteilten sind wohl stolz auf ihre deutschen Wurzeln?

Doch jeder Fall, in dem Migranten eine Rolle spielen, wird angeblich zum Beweis für die Gefahr durch Zuwanderung. Als wäre dies ein friedliches und gewaltfreies Land, könnten wir nur die vermeintliche Bedrohung von außen eliminieren. Absurd. Aber gängiges Gedankengut.

So weit hat der rechte Diskurs die öffentliche Debatte schon durchdrungen. Auch das muss uns Angst machen. 

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