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Frankfurt ist bekannt für seine Willkommenskultur.

Frankfurt

Frankfurt ist gelebte Willkommenskultur

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Die Willkommenskultur gehört zu der Stadt am Main. Diesen Geist sollten wir als Signal hinaustrompeten. In die ganze Welt. Auch nach Thüringen. Die Kolumne.

Eigentlich war mir das noch nie so aufgefallen, doch die Frage war berechtigt. „Warum eigentlich sind Frankfurter so stolz darauf, Frankfurter zu sein?“, wollte ein Freund wissen.

Er ist beruflich ständig in ganz Deutschland unterwegs, hat also beste Vergleichsmöglichkeiten. Und in der Tat: Wer zum Beispiel in der Hauptstadt wohnt, dort aber nicht geboren wurde, prahlt häufig und gerne mit der Aussage „Ich lebe in Berlin:“ Nie jedoch würde er sagen „Ich bin ein Berliner“ und nicht etwa, weil dies Kennedy schon radebrechte. Auch nicht, weil er nicht mit dem gleichnamigen Hefeklops verwechselt werden möchte, da hätten Frankfurter, Wiener, Hamburger oder Pariser ebenfalls gute Gründe, den Satz tunlichts zu vermeiden.

Warum also lebt man in einer Stadt, möchte aber nicht ihren Namen tragen? Vermutlich, weil man sich nicht mit den Eingeborenen identifizieren möchte. Warum zieht jemand von, sagen wir mal Schwäbisch Hall, nach Berlin? Weil er sich mit dem vermeintlichen Glanz des Urbanen und dem Ruch der Boheme schmücken möchte, getrieben von dem Drang, trotz magerer Talente Fettes darzustellen.

Die eigentlichen Berliner passen jedoch nicht in dieses Bild. Sie begegnen einem nur als Taxifahrer, Schrippenverkäuferin oder Bulettenbräter. Man eignet sich lediglich einige als cool geltende Brocken ihrer Schnodderigkeit an, fühlt sich aber ansonsten eher als New Yorker denn als Berliner. Ähnlich entwickelt sich Leipzig. Es ist auf dem besten Weg, das neue Berlin zu werden. Doch das dortige Gerangel ist noch zu sehr im Gange, als dass eine längerfristige Prognose möglich wäre.

In Frankfurt ist es anders

Die Tendenz jedenfalls ist düster. Auf lange Zeit zementiert hingegen scheinen die Verhältnisse in Hamburg, Köln und München. Eingeborene bilden dort gefestigte Kasten, sind stolze Hanseaten, verschmuddelte Klüngler oder verschmitzte Spezln und über Jahrhunderte so stark etabliert, dass sich kein Zuzögling anmaßen würde, zu ihnen dazugehören und somit zu behaupten, er sei Hamburger, Kölner oder Münchner. Er wird aber als Bewohner wohlwollend akzeptiert. In Hamburg höflich distanziert, in Köln lauthals umarmt und in München belustigt beäugt.

Ganz anders ist es in Frankfurt. Die vergleichsweise winzige Metropole ist seit dem frühen Mittelalter ein lebhaftes Handelszentrum, zuerst für Menschen aus ganz Europa, später aus der ganzen Welt. Das prägt und ist noch heute spürbar.

Stolz darauf, Frankfurter zu sein

„Frankfurter ist, wer Frankfurter sein will“, sagte Oberbürgermeister Peter Feldmann (SPD) vor ein paar Jahren und erntete dafür nicht den Hauch eines Widerspruchs. Frankfurt ist gelebte Willkommenskultur. Das war lange selbstverständlich, mittlerweile muss allerdings etwas dafür unternommen werden. Etwa, damit bestimmte Viertel nicht zu Reichengettos verkommen oder Rassisten nicht mehr Gehör finden, als ihnen zusteht – nämlich gar keins.

Aber Obacht. Schon einmal hat sich die Stadt lange und tapfer gegen die Nationalsozialisten gewehrt – und dann doch verloren. Doch ich denke, das wird in den Griff zu kriegen sein und werde nun als Frankfurter mit Pfälzer Migrationshintergrund mal ganz pathetisch: Ich bin stolz darauf, Frankfurter zu sein und wünsche mir, dass der Geist dieser Stadt als Signal hinaustrompetet wird in die ganze Welt. Auch nach Thüringen.

Michael Herl ist Autor und Theatermacher.

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