+
Die IAA ist nicht mehr zeitgemäß.

Ende eines Fossils

Für eine neue IAA ohne Deutschlands Autolobby

  • schließen

Messen für große Autos sind nicht mehr zeitgemäß. Wir brauchen künftig kleine und nachhaltig gebaute Fahrzeuge aller Art. Der Gastbeitrag.

Manchmal geht es ganz schnell. Kaum einen Monat ist es her, dass sich 25 000 Menschen vor den Toren der Internationalen Automobilausstellung (IAA) in Frankfurt am Main getroffen und unter dem Motto „#aussteigen – Verkehrswende jetzt!“ für eine andere Verkehrspolitik und gegen die Leistungsschau der Automobilindustrie demonstriert haben.

Jetzt wird klar: Diese IAA war die letzte ihrer Art. Das Ende eines Fossils aus vergangenen Zeiten. Eine Messe für Spritschlucker und überdimensionierte Pseudo-Geländewagen ist nicht mehr zeitgemäß, was auch die Besucherzahlen bestätigen.

Proteste vor den Toren der IAA

Waren 2015 noch 932.000 Menschen auf der IAA, waren es in diesem Jahr nur noch 560.000. Neben demlebendigen Protest vor den Toren der IAA muss auch dieser drastische Rückgang der Besucherinnen und Besucher Daimler, BMW und Volkswagen eine eindeutige Warnung sein. Statt hochglänzender Boliden wollen die Menschen zeitgemäße Angebote für ihre tägliche Mobilität. Immer mehr Menschen haben keinen Bedarf mehr am privaten Auto, wohl aber an lebenswerten Städten und Kommunen.

Große, schwere Karossen – diese Modelle sind in unseren Städten und auf den Autobahnen nicht mehr tragbar. Immer mehr und immer dickere Autos führen zum Verkehrskollaps und verhindern dadurch Mobilität, statt sie zu gewährleisten. Neue Konzepte für die Mobilität in der Stadt und auf dem Land müssen her. Deshalb muss statt der IAA zukünftig eine Messe für nachhaltige Mobilität etabliert werden, die Lösungen für die alltäglichen Mobilitätsbedürfnisse aufzeigt, welche nicht im Widerspruch zu den notwendigen Klimaschutzmaßnahmen stehen. Dabei geht es um viel mehr als eine scheinbar ergrünte neue Form der alten IAA.

Zukunft für die Konzerne liegt im SUV

Neue Mobilitätskonzepte für öffentliche Verkehre in Kombination mit dem Radverkehr müssen auf einer solchen Messe ebenso einen Platz haben wie neue Fahrzeugkonzepte aller Art. Nachhaltige, zukunftsfähige Fahrzeuge müssen klein, leicht und sauber sein. Sie müssen energie- und ressourcensparend sein und zwar bei der Herstellung, im Betrieb und bei der späteren Entsorgung.

Die Mobilität von morgen wird individuell sehr unterschiedlich aussehen und gestaltet werden. Alle unterschiedlichen Ausgestaltungen werden aber eines gemeinsam haben müssen: den Blick aufs große Ganze. Dabei spielen Klima- und Gesundheitsschutz ebenso eine Rolle wie die Frage, welche Auswirkungen unsere Mobilität mit sich bringt: Welche Energie wird eingesetzt, und wie werden weltweit die Rohstoffe für die Produktion gewonnen? Und nicht zuletzt muss die Frage geklärt werden: Wem gehört der öffentliche Raum und wie sollen unsere Dörfer und Städte aussehen, wie wollen wir zukünftig leben?

Haben die Autokonzerne die aktuellen Entwicklungen erkannt und wollen diese mitgestalten? Nein, haben sie nicht. Zwar werden die Konzerne nicht müde zu erklären, sie hätten verstanden und wollten künftig auch als Mobilitätsdienstleister agieren, gleichzeitig erklären dieselben Vorstandsvorsitzenden von Daimler, BMW und Volkswagen unisono, dass die Zukunft für die Konzerne im SUV liegt.

Es geht eine neue IAA

Kurzfristig mag diese Strategie Gewinne versprechen und vor allem die Aktionäre mit fetten Dividenden erfreuen. Langfristig wird diese Strategie nicht erfolgreich sein. Mit Blick auf die Klimakrise, die wir gemeinsam bekämpfen müssen, ist die Ignoranz der Konzernlenker und Konzernlenkerinnen schon erstaunlich.

Gleiches gilt in diesem Zusammenhang auch für die amtierende Bundesregierung und allen voran Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer. Er steht in der Reihe von CSU-Verkehrsministern, die alle eines gemeinsam haben: Sie schreiten Seite an Seite mit den Autokonzernen, egal welche Verfehlungen diese begehen, und räumen für die Branche unangenehme Vorschläge vehement ab.

Dieselfahrverbote, Tempolimit, CO2-Grenzwerte, Spritpreiserhöhungen, bessere Verbraucherinformationen, Änderungen am Dienstwagenprivileg – hier hat auch Scheuer um die Autokonzerne eine schützende Glaskugel aufgebaut. Damit macht sich die Politik mitschuldig daran, dass die deutschen Konzerne an Innovationskraft einbüßen und damit in einigen Bereichen wie der Batterietechnik den Anschluss an den Weltmarkt verloren haben.

Es geht also um mehr als eine neue IAA. Es geht um ein neues Verständnis von Mobilität bei geänderten Vorzeichen. Und deshalb muss am Ende auch klar sein: Ausrichter einer neuartigen Mobilitätsmesse kann nicht wie bei der IAA Deutschlands Autolobby sein. Wie kein Zweiter steht der Verband der Automobilindustrie für Blockadehaltung. Mit einem solchen Akteur kann der Neustart in eine nachhaltige Zukunft nicht gelingen.

Jens Hilgenberg leitet die Abteilung Verkehrspolitik beim Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND).

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare