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Teilnehmer einer Anti-Hygienedemonstration in Berlin.

Corona-Proteste

Warum man sich den Weg zur Anti-Hygiene-Demo sparen kann

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Fast hätte sich unser Kolumnist auf den Weg in die Frankfurter Innenstadt gemacht. Doch dann gehen ihm eine ganze Reihe guter Fragen durch den Kopf.

Eigentlich wollte ich mich vergangenen Samstag aufs Fahrrad schwingen und hinab in die Innenstadt fahren. Eine Kundgebung hatten sie angekündigt, für die Freiheit unseres Vaterlandes, den Erhalt der Demokratie, die Rücknahme der Corona-Maßnahmen und gegen das Tragen von Masken.

Ich hatte Leute, die an solchen Protesten teilnehmen, zwar schon im Fernsehen und auf Fotos gesehen, doch wollte ich das Treiben auch mal mit eigenen Augen beobachten. Wollte mir ansehen, was das für Menschen sind, sie mal selbst erleben, sehen, hören, riechen.

Coronavirus und Anti-Hygiene-Demo: Alle sollen eine eigene Meinung haben dürfen 

Man soll ja diese Bürgerinnen und Bürger nicht alsSpinner abtun, sondern sie im Sinne des Erhalts unserer funktionierenden Demokratie ernst nehmen. Schließlich sind wir alle gleich, also sollen wir auch alle eine eigene Meinung haben dürfen.

Also machte mich stadtfein, stieg hinab auf die Straße, suchte und fand mein Rad, schloss es auf, hob das rechte Bein, um aufzusteigen – und verharrte. Etwa eine halbe Sekunde lang hielt ich in dieser anatomisch doch eher ungewöhnlichen Körperhaltung inne, unfähig, das begonnene Vorhaben zu Ende zu führen.

Plötzlich nämlich war mir eine Frage durch den Kopf geschossen. Weitere schlossen sich an. Ich weiß noch, wie ich mich wunderte, dass so viele Fragen in so kurzer Zeit entstehen, auftauchen und sich stellen lassen. Als hätte ich eine Zip-Datei in meinem Schädel vorgefunden, sie eher unabsichtlich geöffnet und verdutzt beobachtet, wie sie Fragen freigab, die in der Manier eines kleinen Feuerwerks emporschossen und sich am Firmament meines Gedankengebildes farbenfroh öffneten und laut knatternd dort umherspratzten. Immer mehr suchten sich den Weg nach draußen und verlangten dringlich nach einer sofortigen Beantwortung.

Corona-Protest: „Willst Du diese Idioten wirklich sehen, Michael?“

Ich unterbrach mein begonnenes Vorhaben und zog das rechte Bein zurück und stellte das Rad wieder an den Bügel und mich daneben und dachte nach. Zuerst galt es, den mittlerweile entstandenen Wust an Fragen zu ordnen, um eine standesgemäße Beantwortung überhaupt bewerkstelligen zu können.

Ich entsann mich der in letzter Zeit häufig diskutierten Methode der Triage, ordnete die Fragen nach Schwere der Bedeutung und versah sie zu diesem Zweck mit verschiedenfarbigen Fähnchen. Es würde den Rahmen sprengen, sie alle aufzuzählen. Deswegen nur eine repräsentative Auswahl der Kategorien eins und zwei: „Willst Du diese Idioten wirklich sehen, Michael?“ „Bringt es unsere Gesellschaft weiter, wenn Du Dir dieses dumme Verschwörungsgeschwätz anhörst?“ „Schadet es tatsächlich der Demokratie, wenn man gewisse Leute von Wahlen ausschließt?“ Ich beschied sie alle mit „Nein“, ebenso die weiteren siebzehn; sie waren ähnlichen Inhalts.

Triage mit Fähnchen: Corona-Proteste und Verschwörungsquatsch

Fast war ich fertig mit der Beantwortung. Eine einzige Frage stand noch offen. Ich hatte sie bei meiner Triage mit einem gelben Fähnchen markiert, was auf Kategorie drei schließen ließ, also eine minderschwere Bedeutung.

Ich hatte mich jedoch geirrt, wie sich nun herausstellen sollte. Eigentlich nämlich war sie die wichtigste. Sie lautete: „Sag mal Michael, gibt es auf dem Markt in der Innenstadt eigentlich wieder Bratwürste?“ Auch hier musste ich mit „Nein“ antworten. Dann stieß ich auf eine kurze, kluge Nachfrage: „Und was willste dann noch dort?“

Michael Herl ist Theatermacher und Autor.

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