Leitartikel

Fortschritt fehlt

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Deutschland kommt in der Bildung nicht voran. Die Kultusminister verweisen auf die Herausforderungen durch eine vielfältige Schülerschaft. Das darf keine Ausrede sein.

Von jedem einzelnen Schüler erwarten wir, dass er durch den Unterricht jedes Jahr etwas dazulernt. Das deutsche Bildungssystem dagegen – das zeigt der IQB-Bildungstrend – lernt zu wenig dazu, es verbessert sich nicht. In einigen Bundesländern gibt es sogar spürbare Verschlechterungen.

Für die großangelegte Studie des Instituts zur Qualitätsentwicklung im Bildungswesen sind im vergangenen Jahr fast 45 000 Schüler in Mathe, Physik, Chemie und Biologie getestet worden. Eines der Ergebnisse der repräsentativen Untersuchung: Bundesweit gelingt es rund 24 Prozent der Jungen und Mädchen in der neunten Klasse nicht, den für den mittleren Schulabschluss nötigen Mindeststandard in Mathematik zu erfüllen. Auch wenn es den mittleren Abschluss ja erst nach der zehnten Klasse gibt, gilt: Das ist ein trauriger Befund. Und er ist fast punktgenau so schlecht wie bei einer entsprechenden Untersuchung im Jahr 2012.

Die Kultusminister loben sich selbst dafür, dass es in herausfordernden Zeiten Stabilität gebe. Angesichts der immer größeren Heterogenität in den Klassenräumen sei diese als Erfolg zu werten. Richtig ist: Der Anteil von Kindern mit Migrationshintergrund hat zugenommen. Dennoch ist das nicht mehr als eine billige Ausrede.

Spätestens seit der Pisa-Studie im Jahr 2001 weiß jeder, welche Schwierigkeiten Deutschland hat. Seitdem ist zwar einiges passiert: vom Kita-Ausbau bis hin zur Stärkung der Ganztagsschule. Aber seit einigen Jahren ist die Reformdynamik erlahmt. Im Bildungssystem etwas nachhaltig zum Positiven zu verändern, das ist das Bohren dicker Bretter. Dies kann man mit hohem Energieaufwand versuchen – oder auch mit etwas besser dosierter Kraft, dafür aber beharrlich.

Die deutschen Kultusminister aber bohren nicht nur besonders langsam. Sie nehmen zwischendrin immer mal wieder den Bohrer hoch und beraten lange darüber, ob sie das Werkzeug lieber in einem leicht veränderten Winkel ansetzen sollten. Dabei bemerken sie nicht mal, dass längst jemand ein weiteres Brett obenauf gelegt hat.

„Die Schule kann doch nicht die Probleme der Gesellschaft lösen“, beklagen viele Lehrerinnen und Lehrer. Nur: Wer soll es denn sonst tun? Genau deshalb müssen wir die Schulen, in denen die Herausforderungen am größten sind, besonders gut mit Lehrern und Sozialarbeiten ausstatten. Es bringt nichts, über Schwierigkeiten, die etwa aus Migration oder sozialen Problemen erwachsen, zu lamentieren. Die Schule muss jeden Einzelnen so gut wie möglich fördern.

Es ist ein politisches Armutszeugnis, dass in Deutschland Bildung und soziale Herkunft noch immer so eng aneinander gekoppelt sind. In Zeiten des demografischen Wandels sind wir auf jedes einzelne Talent angewiesen. Und es ist übrigens höchst ernüchternd, dass es in Mathe und Naturwissenschaften immer noch nicht gelungen ist, mit den Geschlechterklischees zu brechen. Mädchen trauen sich in diesen Fächern oft immer noch weniger zu – selbst wenn sie, wie in Chemie, im Schnitt besser sind als die gleichaltrigen Jungen.

Dieses Beispiel zeigt übrigens auch, dass es mit einer besseren Ausstattung von Brennpunktschulen allein nicht getan ist. Deutschland braucht für einen echten Sprung nach vorn in der Bildung an allen Schulen guten Unterricht und viel individuelle Förderung. Die Schulen benötigen dafür nicht nur ausreichend viele Lehrer. Zugleich kommt es auf die Bereitschaft von Schulleitern und Kollegien an, neue Wege zu gehen. So sollten Lehrer sich mehr gegenseitig im Unterricht besuchen und untereinander eine neue Kultur der Kritik etablieren. Das könnte ein entscheidender Schritt hin zu einer besseren Unterrichtsqualität in vielen Klassenzimmern sein.

Bei allen unterschiedlichen Voraussetzungen in den Ländern, was die Zusammensetzung der Schülerschaft angeht, macht die großangelegte Studie eines überdeutlich: Es darf nicht sein, dass Schüler in einem Bundesland mit dem Lernstoff teils mehr als zwei Jahre hinter anderen zurück sind. Die Kultusminister müssen mehr Gemeinsamkeit wagen. Das würde nicht nur Schülern und Eltern helfen, sondern wäre auch im eigenen Interesse der Minister. Denn bewegt sich hier nichts, werden die Rufe, die Bildungshoheit der Länder einzuschränken, immer lauter werden.

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