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Shakespeare wurde in seinem Werk unsterblich.

Zeitgeist

Formen der Unsterblichkeit

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Der Gedanke, dass mit dem Tod alles ein Ende hat, behagt den Menschen nicht. Daher einfrieren? Gehirne klonen? Nein, das ewige Leben erreicht der Mensch, indem sich die Nachkommen erinnern. Die Kolumne.

Wenn ich im Flugzeug sitze, denke ich manchmal an Otto Lilienthal. Der segelte als erster Mensch mit einem Tragflächen-Gleiter durch die Luft. Sein in Berlin hergestellter „Normalsegelapparat“ war das erste funktionsfähige Flugzeug der Welt. Was würde Otto heute Augen machen, wenn er unsere Flughäfen sehen könnte. Bei der Umsetzung seines Traums ist Otto 1896 abgestürzt und kurz darauf gestorben. Ein bisschen mehr Unsterblichkeit hätte ich ihm gegönnt.

Genauso wie Paul Nipkow, der am Weihnachtsabend 1883 nichts anderes zu tun hatte, als sich der Idee für einen Fernsehapparat hinzugeben. Eine spiralförmig gelochte Drehscheibe, mit deren Hilfe bewegte Bilder in leicht runden Zeilen aufgenommen und wiedergegeben werden konnten. Wenigstens erlebte er noch den ersten Fernsehsender der Welt in Berlin-Witzleben – auf seinen Namen getauft –, der 1934 den Sendebetrieb aufnahm.

Selbst die großartigsten Erfinder, die genialsten Künstler oder die kühnsten Entdecker liegen am Ende unter der Erde. Der Gedanke, dass dies das Ende sei, hat dem Menschen aber nie behagt. Das zeigen ein rund 5000 Jahre altes Großsteingrab (Denghoog) auf der Insel Sylt oder tausende Kilometer weiter im Süden die gewaltigen Grabanlagen für den Totenkult der alten Ägypter. Der Traum von der Unsterblichkeit brachte kunstvolle Mumien und kostbare Grabbeigaben hervor. Einige Religionen schufen eine Seele, die nach dem Tod zu Gott aufsteigt. Nur Ungläubige stellen da die profane Frage, was die Seele in der Unendlichkeit bloß anfangen soll.

Im Zeitalter von Wissenschaft und Internet gibt es ganz neuartige Ansätze, um das Problem der Sterblichkeit endlich befriedigend zu lösen. Ob allerdings die tiefgefrosteten Anhänger der Kryokonservierung jemals wieder ins Leben zurückgeholt werden können, wage ich zu bezweifeln. Extrem teuer und noch nicht mal an einer Maus ausprobiert. Wahrscheinlich ähnele ich als Aufgetauter eher einer vergessenen Erdbeere aus dem Tiefkühlfach. Erst hart, dann matschig.

Da ist die US-Unternehmerin Martine Rothblatt schon weiter. Sie will das Leben mit frischen Organen verlängern, die mit Hilfe von 3D-Druckern aus Stammzellen zusammengesetzt werden. Das wäre hilfreich bei dem extremen Mangel an Organspendern. Andere phantasieren von Milliarden von Nanobots, die beispielsweise Krebszellen sofort eliminieren. Und wenn das alles nicht mehr hilft, so prophezeit Rothblatt, können die Wissenschaftler in nicht allzu ferner Zukunft unser Gehirn mit seinem kompletten Denken abscannen und auf einen Roboter übertragen. Dann latsche ich als ein Bewusstseins-Klon noch ein paar Jahrhunderte durch die Gegend und nerve die Neugeborenen als Neunmalkluger? Na super!

Die schönste Form der Unsterblichkeit ist für mich die gute alte Art: Wir bewundern die Totenmaske von Tutanchamun, die Ölgemälde van Goghs und die Dramen von Shakespeare. Und wir staunen über Visionäre wie Leonardo da Vinci, Otto Lilienthal oder Paul Nipkow. Deren Zeit ist abgelaufen, aber nicht stehen geblieben. Sie haben das Morgen nicht erlebt, leben aber im Heute weiter. Auch ohne 3D-Drucker und den ganzen anderen Kram.

Karl-Heinz Karisch ist Autor.

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