Kolumne

Fordernd

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Unter Berlinerinnen herrscht derzeit eine gewisse Unzufriedenheit. Sie sollten von den Hohenzollern lernen, wie man Ansprüche stellt.

Auf der Suche nach Glück und Zufriedenheit versucht sich die Großstädterin gerne in Selbstoptimierung durch Pilates, Meditation, Botox oder Intervallfasten. Der große Durchbruch stellt sich dadurch aber anscheinend nicht ein. Denn dann müssten Frauen in Mitte und Prenzlauer Berg vor Glückseligkeit strotzen.

Das tun sie meiner Erfahrung nach aber in der Regel nicht. In letzter Zeit treffe ich immer häufiger überforderte und frustrierte Frauen, vor allem berufstätige Mütter. Vielleicht waren sie früher nicht weniger verdrossen, artikulieren es heutzutage aber deutlicher.

Da halte ich es für zu kurz gedacht, die Quelle der Unzufriedenheit nur bei sich selbst zu suchen. Wirklich hilfreiche Lebenstipps findet man nämlich nicht in Frauenmagazinen, sondern in Tageszeitungen. Ein bisschen Sport und Kultur sind nie verkehrt, ich meine aber in erster Linie den Politikteil.

Also den Teil, in dem es nicht darum geht, was Menschen essen, anziehen oder auf ihrer Yogamatte treiben, sondern den Teil, in dem gefordert wird. Lindner fordert, die Grünen fordern, Verdi fordert, Experten fordern und alle anderen auch. Vor allem unser Innenminister ist Großmeister darin. Wenn die Überschrift mit „Seehofer fordert“ beginnt, höre ich schon immer auf zu lesen.

Fordern kann man ja erstmal vieles. Das beweisen gerade die Hohenzollern aufs Trefflichste. Sie erheben Ansprüche auf Tausende Kunstwerke aus öffentlichen Museen in Berlin und Brandenburg, Einflussnahme auf die öffentliche Darstellung der Familiengeschichte und ein dauerhaftes Gratis-Wohnrecht im Schloss Cecilienhof oder zwei anderen Potsdamer Schlossvillen.

Warum verlangen sie nicht gleich den Thron zurück? Georg Friedrich Prinz von Preußen, Ururenkel des letzten deutschen Kaisers, fordert stattdessen immerhin noch ein Mitbenutzungsrecht auf ein Schloss als Veranstaltungsort für private Anlässe. Da ich nächstes Jahr meinen vierzigsten Geburtstag feiern werde, kann ich letzteren Punkt zugegebenermaßen nachvollziehen.

Die Verhandlungen mit der öffentlichen Hand laufen schon seit 2014, wurden aber erst kürzlich publik. Seit fünf Jahren beschäftigt man sich also mit so einer Dreistigkeit. Warum der Bund nicht einfach im Gegenzug Reparationszahlungen für den vom Hohenzollernkaiser mitverantworteten Ersten Weltkrieg fordert, verstehe, wer will. Oder zumindest alle Steuergelder zurückverlangt, die je in die Instandhaltung der Schlösser geflossen sind.

Aber wir sehen, dass Maximalforderungen eine durchaus vielversprechende Strategie sein können, um am Ende aller Voraussicht nach zumindest ein bisschen was rauszuhandeln. Selbst wenn die eigene Familie maßgeblich zur Zerstörung Europas beigetragen hat.

Also liebe Berlinerinnen, lernen wir daraus! Vergessen wir Sonnengruß, Hyaluron und Bikinidiät. Mit der Hohenzollernstrategie können wir unser Leben deutlich stärker erleichtern als mit Marie Kondo. Fordern wir nicht nur absurd viel mehr Geld, sondern auch tausend Mal mehr Respekt und Unterstützung, viel bessere Vereinbarkeit und ein dauerhaftes Mitbenutzungsrecht für alle Schlösser, Entscheidungsgremien und Chefbüros dieses Landes. Ich bin mir sicher, am Ende springt für uns mehr raus als nur ein paar alte Ölgemälde.

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