Dopingsperre

Folgerichtige Strafe für Russlands Athleten

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Der Kampf gegen Doping sollte nicht mit der Sperre russischer Athleten enden. Damit der Sport noch fairer wird, ist noch mehr Geld, Ausdauer und Expertise nötig. Der Leitartikel.

Für die große Sportnation Russland ist diese Nachricht ein Schock: Vier Jahre lang dürfen russische Athletinnen und Athleten nach der Entscheidung der Welt-Anti-Doping-Agentur (Wada) nicht unter der Fahne ihres Landes an großen internationalen Wettkämpfen teilnehmen.

Viel schlimmer noch für die russische Politik um Präsident Wladimir Putin, die sich gern mit dem Prestige des Sports schmückt: Auch sportliche Großveranstaltungen darf das größte Land der Welt erst mal nicht ausrichten, weil das nationale Betrugssystem schon zum wiederholten Male aufgedeckt worden ist. Ein milderes Urteil als dieser Vier-Jahres-Bann wäre nicht vermittelbar gewesen. Auch wenn nun Sportlerinnen und Sportler, die sich nichts haben zuschulden kommen lassen, in Sippenhaft genommen und um den Lohn ihrer harten Trainingsarbeit gebracht werden.

Zu oft hat Russland, seit der Dopingskandal durch die ARD-Dokumentation „Geheimsache Doping – Wie Russland seine Sieger macht“ vor ziemlich genau fünf Jahren erstmals ruchbar wurde, bewiesen, dass es bis hierhin nicht willens war, sein System grundsätzlich zu überdenken. Ja, es ist schon ziemlich frech, als bereits überführter Dopingstaat erneut zu betrügen.

Der russische Sport hat nicht nur diese Frechheit besessen. Der Wiederholungstäter zeigt weiterhin kaum Anzeichen echter Reue und manövriert sich damit immer weiter ins Abseits. Eindrückliches Zeichen der russischen Uneinsichtigkeit ist die Ankündigung, Einspruch beim Internationalen Sportgerichtshof CAS gegen die Entscheidung der Wada einzulegen.

Man wolle für seine Sportlerinnen und Sportler kämpfen, hieß es. Russland gefällt sich also weiter in seiner Opferinszenierung. Den McLaren-Report, der das russische Staatsdoping im Detail beschreibt, hat das Land nie anerkannt.

Für die Zukunft bedeutet das Wada-Urteil auch, dass sich am Beispiel des Umgangs mit Russland in den nächsten Jahren die grundsätzliche Stoßrichtung des Antidoping-Kampfes in der Welt – und ob er erfolgreich ist – entscheiden kann. Meinen es die Wada, das Internationale Olympische Komitee, dessen Boss Thomas Bach eine gewisse Nähe zu Putin nachgesagt wird, und all die anderen internationalen Sportverbände wirklich ernst, wenn sie dem Kampf gegen medikamentös befeuerte Unfairness im Sport offiziell die höchste Priorität einräumen? Gehen sie Russland auch während des Banns auf die Nerven, kontrollieren sie weiter, um eine erneute Neuauflage des russischen Betrugssystems zu verhindern?

Wenn ja, wird dies hoffentlich ausstrahlen. Denn seien wir ehrlich: Bei allen berechtigten Anklagen, mit denen sich Russland in Sachen Doping seit fünf Jahren auseinandersetzen muss, ist auch klar, dass Doping nicht nur ein russisches Problem ist.

Doping ist ein Problem des Sports im Allgemeinen, es ist systemimmanent. Wo Ruhm und Geld für Sportlerinnen und Sportler sowie die sie betreuenden Vereine und Verbände locken, wird Betrug nicht verschwinden. Aufgeben gilt trotzdem nicht. An der Legitimierung von Doping kann niemand interessiert sein. Das Gebot des Fairplays gilt es zu verteidigen.

Um den Kampf gegen Doping aber auf Augenhöhe zu führen, müssen die Wada und die nationalen Antidoping-Agenturen ausreichend Geld bekommen. Aktuell muss die Wada ihren Kampf gegen das größte Übel des Sports mit einem Etat von 40 Millionen Dollar bestreiten. In manchen Ländern gibt es gar keine Antidoping-Programme.

Idealismus und der Glaube an Gerechtigkeit im Sport reichen nicht dafür, dass der Kampf gegen Doping global ernst genommen wird. Er braucht gut bezahltes Personal, das unangekündigt, unabhängig und unkorrumpierbar kontrollieren kann. Er braucht hochentwickelte technische Hilfsmittel, um Manipulationen künftig zu erschweren oder gar zu verhindern.

Er braucht wissenschaftliche Forschung, um den Innovationen der Dopingindustrie starke Analysemöglichkeiten entgegenzusetzen. Und er braucht führende Köpfe, die sich nicht vom Einfluss der Mächtigen von ihrem Weg als Vorkämpfer abbringen lassen. All dies kostet Geld. Viel Geld. Dieses zu investieren, kann sich lohnen. Für einen möglichst sauberen Sport. Denn am Ende wünschen wir als Sportfans uns doch genau den.

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