Die Folgen der Digitalisierung

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Politik und Wirtschaft wollen den Einsatz digitaler Technologien beschleunigen ? ohne Rücksicht auf soziale und ökologische Gefahren. Der Gastbeitrag.

Jetzt ist es mal wieder so weit: Unternehmer, Politiker und Experten (oder solche, die sich dafür halten) diagnostizieren einen Nachholbedarf Deutschlands bei Zukunftstechnologien. Bei der flächendeckenden Versorgung mit schnellem Internet und der fünften Generation des Mobilfunks rangierten die Deutschen „im Tabellenkeller“, heißt es.

Kanzlerin Angela Merkel will endlich die Lücke gegenüber der ausländischen Konkurrenz bei digitalen Technologien und künstlicher Intelligenz schließen. Und auch die Grünen setzen auf flächendeckendes schnelles Internet.

Zwar ehrt es Wirtschaft und Politik, dass sie Deutschland zukunftsfähig machen wollen. Allerdings droht bei solchen Beschleunigungsversuchen oft die Gefahr, dass alle Skrupel über Bord geworfen werden.

Niemand bestreitet, dass die neuen Technologien Vorteile bringen: Flächendeckendes schnelles Internet kann die ländlichen Räume aufwerten; digitale Techniken werden die Arbeitswelt sauberer machen. Künstliche Intelligenz kann nützlich sein     in der Medizin oder in der Pflege. Selbstfahrende Autos werden die Zahl der Unfälle verringern.

Andererseits weisen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler schon jetzt auf erhebliche soziale, ökologische und auch gesundheitliche Gefahren hin, wenn die digitalen Technologien ohne flankierende Rahmenbedingungen eingeführt werden. Doch die Debatte über soziale oder ökologische Flanken für die Digitalisierung wird gerade vom Wunsch nach Beschleunigung massiv verdrängt.

Klar ist seit langem, dass die Roboterisierung der Arbeitswelt soziale Probleme aufwirft. Wenn Maschinen Beratungsgespräche selbst führen, Verwaltungsvorgänge übernehmen und sich in der Industrie selbst steuern, dürfte die Zahl der sozial abgesicherten Arbeitsplätze abnehmen. Die Gewinne der Unternehmen dagegen werden steigen.

Umso dringlicher wären Diskussionen darüber, wie die weitere Spaltung in prekäre und abgesicherte Arbeitsplätze vermieden und die Arbeitszeit gerechter verteilt werden kann. An die Frage, wie die Politik alle Bürgerinnen und Bürger an den Digitalisierungserlösen beteiligen könnte, traut sich die Politik bisher noch gar nicht heran.

Oder bräuchten wir vielleicht sogar eine Maschinendividende zur Finanzierung des Sozialstaates oder eines Grundeinkommens?

Über all das wird in kleinen Zirkeln diskutiert, doch Beschlüsse gibt es keine. Ohne soziale Rahmenbedingungen für die Digitalisierung wird die Kluft zwischen Gewinnern und Verlierern in Deutschland jedoch immer größer.

Eine weitere Nebenwirkung ist der hohe Stromverbrauch digitaler Technologien. Eine einzige Internetsuche verbraucht laut Google so viel Energie wie eine Elf-Watt-LED-Birne, die sechs Minuten brennt. Bedenkt man, dass inzwischen 2,5 Milliarden Erdenbürger online sind, kann man sich den hohen Stromverbrauch des Internets vorstellen.

Das Gleiche gilt für selbstfahrende Autos. Um laufend die Umgebung zu scannen, so der Berliner Wissenschaftler Tilman Santarius, benötigen diese Fahrzeuge Kameras, Radar- und GPS-Systeme und vieles mehr, um den Fahrvorgang verkehrssicher zu bewältigen. „Bei durchgehendem Betrieb fressen diese Systeme bis zu vierzig Gigabyte an Daten pro Tag“, sagt Santarius. „Allein zwei Millionen selbstfahrende Autos würden dann die gleiche Datenmenge erzeugen wie die Hälfte der Weltbevölkerung – mit einem stark steigenden Strombedarf.“ Brauchen wir dann wieder Kohle- und Atomkraft?

Völlig vergessen scheinen die gesundheitlichen Folgen des Mobilfunks. Es gab eine Zeit, da wurde intensiv über die Strahlenbelastung durch Mobilfunkmasten und Handys diskutiert. In manchen Kommunen, auch in Hessen, wurden Masten aus gesundheitlichen Gründen von Wohngebieten nach draußen verbannt. Manche Bedenken waren vielleicht übertrieben.

Allerdings stuft die Weltgesundheitsorganisation WHO Mobilfunkstrahlen als „möglicherweise krebserregend“ ein. Dennoch wird über die Folgen hochfrequenter Strahlen für die Gesundheit oder gar über Grenzwerte fast gar nicht diskutiert, wohl aber über das schnelle Internet an jeder Milchkanne.

Für alle diese Fragen scheinen die Verantwortlichen keine Zeit zu haben. Man muss ja aufholen, damit die deutsche Wirtschaft im globalen Konkurrenzkampf nicht zurückfällt. Und wie so oft kommt einigen die These von der gefährdeten Konkurrenzfähigkeit gerade recht, um alle Hindernisse für eine kompromisslose Wachstumspolitik aus dem Weg zu räumen, vor allem die größten Hindernisse: den Menschen und die Umwelt.

Wolfgang Kessler ist Wirtschaftspublizist und Chefredakteur der christlichen Zeitschrift Publik-Forum.

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