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Warum bringt man die Menschen in Not nicht, wenn denn ein Transport aufgrund der Corona-Lage als unmöglich eingestuft wird, auf Kreuzfahrtschiffe?

Geflüchtete vor Pandemie schützen

Coronavirus: Holt Geflüchtete auf Kreuzfahrtschiffe! 

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Auch Hilfesuchende in überfüllten Lagern müssen vor dem Coronavirus geschützt werden. Die EU schaut weg – dabei wäre die Lösung einfach. Die Kolumne.

Die politischen Maßnahmen sind einschneidend. Weltweit werden Ausgangssperren verhängt, Kontakte minimiert, Zusammenkünfte verboten. Grenzen sind geschlossen, die EU hat sich in ein Konglomerat von Nationalstaaten verwandelt, selbst wenn der ein oder andere Patienten einfliegen lässt. Jeder macht die Schotten dicht, die Welt befindet sich immerhin im „Krieg“ (Macron), da müssen einschneidende Veränderungen und Verhaltensvorgaben erlaubt sein. Die da wären: Hygiene, insbesondere ausgiebiges Händewaschen, und räumliche Distanz.

Die Union ist sich in ihrer Uneinheitlichkeit einig – und dies explizit in der Ignoranz bezüglich der Situation Geflüchteter. Die ist, man nehme die Lager in Griechenland als Beispiel, katastrophal.

Zustände in Lagern für Geflüchtete schon vor Corona verheerend

Das ist sie nun nicht erst seit Corona. Seit Jahren schlagen die Hilfsorganisationen ob der Zustände vor Ort Alarm, weil zu viele Menschen auf zu wenig Raum mit null Perspektive vor sich hinrotten. Sechsköpfige Familien leben im Lager Moria auf Lesbos auf circa drei Quadratmetern, Hunderte teilen sich eine Toilette. Kinder sind suizidal, eine Räumung des Lagers wird längst gefordert.

Tatsächlich hatten sich einige EU-Staaten bereiterklärt, Kinder aus den Lagern aufzunehmen. Alles war in die Wege geleitet worden, doch dann kam – Corona. Damit ändern sich natürlich die Voraussetzungen. Die Grenzen sind jetzt nun einmal dicht, da geht nix mehr, sorry, Leute. Und während allenthalben verlautbart wird, eine Evakuierung werde nach wie vor geprüft, spricht Luxemburgs Außenminister Jean Asselborn erfrischend aus, was EU-weit Sache sein dürfte. Niemand sei schuld, doch sei es schlicht „unmöglich in der schweren Zeit, in der wir sind, was die Sicherheit angeht, die Gesundheit angeht, die Betreuung angeht, die Aufnahme der Menschen in anständigen Bedingungen zu gewährleisten“.

Wie bitte? Was ist denn das für ein Herumgeeiere? Wir diskutieren jetzt tatsächlich über „anständige Bedingungen“, wenn es darum geht, Menschen von einer Müllhalde zu evakuieren? Abgesehen davon, dass die Lager wegen des Coronavirus abgeriegelt wurden und keiner rein- noch rauskommt. Oder dass Zerstreuungsmöglichkeiten gestrichen wurden, seien es Unterricht oder sportliche Aktivität.

EU in Sachen Menschrechte mit Armutszeugnis

Mich macht es fassungslos, wie die EU Sicherheitsregeln rauf und runter predigt. Wie vermeintlich Positives im Virus zur Gemütsaufhellung gesucht wird, erwähnt sei die vielzitierte „Entschleunigung“. Während man gleichzeitig sehenden Auges Menschen in einer Situation belässt, die eine Masseninfektion erzwingt. Vermutlich ein Massensterben, denn hier dürfte im Hinblick auf Vorerkrankungen wirklich jeder zur „Risikogruppe“ gehören. Aber es handelt sich um Geflüchtete, und die kamen in nationalen Fürsorgekatalogen noch nie vor.

Was die EU in Sachen Menschenrechte abzieht, ist schon seit Jahren ein Armutszeugnis. Wie sie aber die Gültigkeit von Schutzmaßnahmen bei den einen als zwingend ansieht, bei den anderen aber als nicht notwendig erachtet, ist an Unmenschlichkeit kaum zu überbieten. Dabei wäre es so einfach.

Warum bringt man die Menschen nicht, wenn denn ein Transport aufgrund der Corona-Lage als unmöglich eingestuft wird, auf Kreuzfahrtschiffe? Die schaukeln nutzlos im Mittelmeer vor sich hin, also ortsnah, und dürften in nächster Zeit kaum für den Tourismus Verwendung finden. Es wäre eine Lösung, um Leben zu retten. Die EU muss sich nur trauen.

Katja Thorwarth ist Kolumnistin und Online-Redakteurin.

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