Kolumne

Flüchtiges Glück

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Flüchtlinge brauchen und suchen vieles - Esssitze beispielsweise. Groß ist die Freude, wenn so etwas gefunden wird.

Manchmal schnippt man einen Stein ins Wasser und der zieht ganz unerwartete Kreise. „Weißt du, wie man an Essstühle kommt, die nicht viel kosten?“, hatte mich Z., eine Kurdin aus Iran, am Ende unserer Deutschstunde gefragt, als sie und N., eine syrische Freundin, ihre Übungshefte einpackten.

Das ist immer die Zeit, wenn wir noch ein bisschen dranhängen, um über Persönliches zu reden, banale wie beunruhigende Dinge des Flüchtlingsalltags eben. Die Frage etwa, ob es in Deutschland verboten sei, auf dem Balkon zu rauchen, hat uns auch schon beschäftigt. Aber davon später.

Zu den Stühlen fiel mir der Rat ein, es mal bei nebenan.de zu versuchen oder besser noch eine Anzeige in den online vernetzten Nachbarschaftszirkel zu stellen. „Vielleicht hast du ja Glück.“ Das würde sie brauchen, dachte ich insgeheim. Allzu weit her soll es mit der Willkommenskultur ja nicht mehr sein.

Zunächst allerdings hatte Z., die mit Ehemann und Sohn in Berlin nach langer Odyssee eine feste Bleibe fand, nur eben noch nichts Richtiges zum Hinsetzen, nachgerade Pech. Schon beim Unterfangen, sich auf besagter Website einzuloggen, war sie im Gewirr des deutschen Sprachgestrüpps steckengeblieben.

Ich konnte es ihr nachfühlen. Den Nachmittag über hatten wir Deutsch gepaukt für die B2-Prüfung, die Z. und N. bestehen müssen, um zu einem Ausbildungsberuf zugelassen zu werden. Das B2-Zertifikat bescheinigt „ein gehobenes Sprachniveau, mit dem komplexere Sachverhalte in der Fremdsprache ausgedrückt werden können“. Na schön.

Warum beim Test „Hörverstehen“ allerdings recht spezielle Begriffe wie „Bestattungsritus“ oder bürokratische Wortungetüme auftauchen, erschließt sich mir nicht ganz. Vermutlich würden daran auch deutsche Azubis zu knabbern haben.

Die Frage nach der „Verifizierungsmethode“, vor der Z. schließlich kapitulierte, als sie sich zu Hause auf der Suche nach günstigen Essstühlen einloggen wollte, wäre von praktischerem Nutzen gewesen, kam nur nicht im Lernmaterial vor.

Irgendwie haben wir es dann doch geschafft. Die Anzeige war online und dazu erfolgreich. Ein mir bis dato unbekannter „Walter“ lieferte den Hinweis, eine „Linda“ biete auf nebenan.de gleich ein ganzes Ensemble samt massivem Holztisch für umsonst an. „Linda“ wiederum war hocherfreut, die guten Stücke an Geflüchtete abgeben zu können. Nach dem Besichtigungstermin hatten alle Beteiligten ihren Glücksmoment. Und wenn das sperrige Mobiliar nicht noch vom Anhänger fällt, sitzen Z. und ihre Lieben am Wochenende erstmals vereint an einem Tisch.

Hätte man sie gefragt, ob sie sich in Deutschland willkommen fühlten, fiele ihre Antwort wahrscheinlich ähnlich wie die der meisten Flüchtlinge aus, die mit ihrem Leben hier im Großen und Ganzen zufrieden sind. Laut jüngster Erhebung des BAMF (Bundesamt für Migration und Flüchtlinge) bewerten 75 Prozent von ihnen ihre Lage „alles in allem eher positiv“, 37 Prozent fühlen sich sogar bestens integriert.

Dass eine giftige Nachbarin über Ausländer zetert, sobald Z.s Mann auf dem Balkon eine Zigarette pafft, fällt da kaum ins Gewicht, oder? Das Gefühl wegen ihrer Herkunft benachteiligt zu werden, haben Geflüchtete laut der Studie zwar häufiger. Über Fremdenfeindlichkeit sorgen sie sich indes angeblich seltener als Deutsche.

Aber wie das mit Statistiken so ist. Sie sind ein Schlaglicht, mehr nicht. Eine tödliche Nacht wie in Hanau – und alle Fragen stellen sich neu.

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