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Das Heftige am Kinderkriegen ist nicht die Geburt ist, sondern die Wochen danach.

Kolumne

Flucht aus dem Familienbett

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Es gibt Konzepte für den Umgang mit Neugeborenen, die sind zum Weglaufen - etwa, weil sie reaktionär sind.

Ich bin wahrscheinlich die einzige Mutter in Prenzlauer Berg zu Berlin, die nicht enthusiastisch ihr Kind gestillt hat. Ich habe es trotzdem gemacht, zehn Monate lang. Ich habe das Baby in der Tragehilfe getragen und es im Bett mit uns schlafen lassen. Das hatte die Hebamme so empfohlen. Ich habe es nicht hinterfragt, es machten in meinem Umfeld alle so.

Später habe ich erfahren, dass das, was ich praktizierte, offenbar Teil eines Erziehungskonzeptes war: Attachment Parenting, übersetzt bedürfnisorientierte Erziehung. Das ist eine angesagte Methode, mit der man versucht, sich den Bedürfnissen des Babys anzupassen. Sie wird unter Mittelschichteltern in Prenzlauer Berg oder Kreuzberg ähnlich heiß diskutiert wie vegane Ernährung oder Impfpflichten. Kürzlich beschrieb eine Frau auf „Zeit Online“, wie sie beim Versuch, eine perfekte Attachment-Mutter zu werden, fast durchgedreht ist. „Eltern, gebt euch selbst nicht auf“, lautete die Überschrift.

Ich kann verstehen, was an dem Erziehungskonzept so attraktiv wirkt. Es greift die Unsicherheit auf, die man nach der Geburt im Umgang mit einem Säugling spürt. Sagt einem ja keiner vorher, dass das Heftige am Kinderkriegen nicht die Geburt ist, sondern die ersten Wochen danach. Je mehr man das Baby nah bei sich hält, desto ruhiger und entspannter wird es, lautet einer der Lehrsätze. Das klingt einfach. Aber was, wenn das Kind trotzdem weint? Ich hatte einmal eine Bekannte, ein großer Fan von Dauer-Stillen, Tragetuch und Babymassage. Ihre Tochter schrie nie, mein Sohn dauernd. „Du bist zu angespannt, dein Sohn spürt das“, urteilte sie.

Der Begründer des Attachment-Parenting-Konzepts ist William Sears, US-amerikanischer Kinderarzt, achtfacher Vater und tiefreligiöser Christ. Auch in seinen Büchern klingt der missionarische Ton durch: „Eine Mutter fühlt sich nur wohl, wenn sie mit ihrem Baby zusammen ist.“ Und was, wenn das Baby vier Stunden am Stück schreit? Die Mutter, die dann erschöpft ist, womöglich sogar Wut auf ihr Kind entwickelt, könnte denken, dass etwas mit ihr nicht stimmt, wenn sie eine Pause braucht. Berufstätigen Müttern empfiehlt Sears, nachts im Bett neben dem Kind zu schlafen, um den tagsüber entstandenen Mangel an Nähe wettzumachen. Wer sich nicht an die Prinzipien halte, der ziehe problematische Kinder heran. In diesem Ton geht das weiter, reaktionär, anti-emanzipatorisch.

Meine Bekannte erzählte mir kürzlich, dass sie sich ein größeres Bett gekauft haben, damit alle Platz haben, ihr Mann und die zwei Kinder. Ein Familienbett. Ich guckte skeptisch. Die Attachment-Mütter teilen zwar gern aus, sind aber selbst sensibel. „Früher haben auch alle in einem Bett geschlafen, und in Afrika macht man das heute noch so“, fügte sie hinzu.

Wenn Angehörige der Mittelschicht auf dem Sofa ihrer Eigentumswohnung beim Quinoa-Süßkartoffel-Salat sitzen und die Bedingungen in Afrika preisen, ist mir das unheimlich. Als ob Armut so romantisch wäre. Die Menschen haben früher nicht in einem Bett geschlafen, weil es Teil ihrer pädagogischen Methode war, sondern weil sie sich nichts anderes leisten konnten. Das gemeinsame Bett war ein Hort von Krankheiten, von Missbrauch. Mein Familienbett müsste ungefähr so groß wie das Tempelhofer Feld sein, damit wir alle entspannt darin schlafen können.

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