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Fillons Dilemma

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Zwist über Verfahren gegen Präsidentschaftskandidat.

Die französische Justiz hat ein Ermittlungsverfahren gegen den konservativen Präsidentschaftskandidaten François Fillon eingeleitet. Dieser sagte: „Ich bin überzeugt, dass die Justiz die Unschuld feststellen wird, auch wenn das Zeit braucht.“ Fillon steht im Verdacht, seine Frau als parlamentarische Mitarbeiterin scheinbeschäftigt zu haben; geprüft wird der Verdacht einer Hinterziehung von Steuern. Seine Umfragewerte bröckeln. Inzwischen wird damit gerechnet, dass neben der Rechtsextremen Marine Le Pen der parteilose Mitte-Kandidat Emmanuel Macron in die Stichwahl zur französischen Präsidentschaft am 7. Mai kommt. Fillon kommentierte seine Lage so: „In diesem Präsidentschaftswahlkampf fliegen die Kugeln tief.“

Die katholische „La Croix“ bedauert die Entwicklung zutiefst und zweifelt an dem Verfahren. Juristen debattierten, ob die Vorgehensweise gegen Fillon rechtlich begründet gewesen sei. „Erstmals in der Geschichte der Fünften Republik wird ein Ermittlungsverfahren gegen einen Präsidentschaftskandidaten aus der ersten Reihe eingeleitet. „Der frühere Premier müsse aber in jedem Fall von der Unschuldsvermutung profitieren.“ Sie vermutet, etliche Wähler würden der Meinung sein, „dass die Sachverhalte (...) ein ernsthaftes Problem darstellen – wenn nicht rechtlich, so zumindest moralisch. Vor allem für einen Kandidaten, der seine Kandidatur unter das Zeichen der Vorbildlichkeit gestellt hatte.“ Andere würden sein Programm höher bewerten: „Ein Dilemma, das jeder mit seinem Gewissen entscheiden muss.“

Die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ sieht Fillon noch nicht am Ende, fragt sich gleichwohl, „ob die Strategie aufgehen wird, die er sich von Donald Trump abgesehen hat: die Medien und die Justiz anzugreifen statt aufzuklären.“

„Zeit online“ witzelt über Berichte, Fillon habe sich bei einem Pariser Edelschneider seit 2012 Anzüge im Wert von 50 000 Euro anfertigen lassen. Der bezeichne sich als „Rebell“ gegen das System: „Der Rebell im 15 000 Euro Maßanzug, welch fantastische Steilvorlage für immer neue Witzchen. Frankreich kugelt sich vor Lachen.“

Die „Neue Zürcher Zeitung“ stellt dazu fest, nun stehe Fillon da „wie ein Kaiser ohne Kleider – wobei er allerdings kein Kaiser ist. Er muss sich fragen lassen, wer denn seine Gönner seien, ob er mit Kreditkarte oder bar bezahlt habe, ob er die textilen Geschenke ordnungsgemäß im Register der Nationalversammlung eingetragen habe.“

Die „Washington Post“ meint: „Für einen Kandidaten, der verantwortlichen Umgang mit Steuergeldern, den Abbau von überflüssigen öffentlichen Ausgaben versprach und den Abbau von 500 000 Jobs im öffentlichen Sektor anstrebte, sind die Vorwürfe verheerend.“ Fillon sagte zu den Schneiderrechnungen: „Na und?“

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