Kolumne

Fernsehen oder nicht fernsehen?

  • schließen

Über ARD, ZDF und die anderen Sender wird viel geschimpft. Warum eigentlich?

Wo warst du gestern Abend? Das wird man ja manchmal gefragt. Und dann – bestimmt verliere ich bei einigen Lesern an Reputation – dann sage ich wahrscheinlich, dass ich ferngesehen habe. Ich gehe nicht mehr so viel aus wie früher. Ins Kino, ins Theater, Freunde besuchen: Ja, aber nicht mehr so oft. Fernsehen ist öfter.

Morgens kreuze ich im Programm Sendungen an, die mir sehenswert erscheinen, ohne Kreuzchen bleibt der Kasten aus. Weil mich sehr Verschiedenes interessiert, gehe ich die Senderprogramme durch. Ich will nichts übersehen.

Manchmal hat ein Fernsehfilm polarisierende, interessante Kritiken – wie gerade „Das Verschwinden“ bei der ARD. Oder ich habe einen Kinofilm verpasst, den ich nachholen will – wie „Blade Runner“. Bei neuen Reality-Shows – „UNdressed“ auf RTL 2 – schreibe ich Dialoge mit. Vielleicht wird eine Kolumne daraus, und die kann nur durch das Wortwörtliche das Unglaubliche bezeugen.

Manchmal möchte ich bei Comedians lachen – und wer entscheidet eigentlich, dass das unmöglich sei, weil Loriot und Dieter Hildebrandt gestorben sind? In meiner Hauptfernsehzeit laufen Nachrichten und Dokumentationen über die Zeitläufte: Geschichte, Personen, Entdeckungen. Damit kriegen die mich immer. Das ist doch in Ordnung. Oder?

Das Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“ lese ich jede Woche mit Gewinn. Aber vor knapp drei Wochen gefiel mir die Titelgeschichte nicht. Vier Reporter kritisierten das öffentlich-rechtliche Fernsehen ungewöhnlich scharf. Das Magazin wählte zudem einen reißerischen Aufmacher, „Die unheimliche Macht“, als ginge es um einen Gruselfilm. Aber es ging um die Frage, welcher Journalismus heute Anspruch auf Platz im Netz hat und ob ein Vorteilsnehmer in Zukunft darüber bestimmten könnte, „worüber das Land redet“.

Das Land. Was für eine Übertreibung. Mir fällt ein Spruch der Schauspielerin Jenny Elvers ein, er stand im Herbst 2000 in dem Nachrichtenmagazin: „Die deutsche Bevölkerung steht hinter meiner Schwangerschaft.“ Das war auch zu weit gefasst.

ARD und ZDF, lese ich jetzt, seien „notorisch unbeliebte Anstalten“, es gebe „Symptome großen Unmuts“. Ist das so? Die DNA dieser Sender halte am Bild des politisch unmündigen Bürgers fest, „der mit Trallala-Shows zum Schauen von Nachrichten überredet werden muss“. Langsam begreife ich, dass diese Geschichte Fernsehzuschauer gezielt beleidigt.

Mich nervt die Verachtung des Fernsehens, das Reflexhafte, der Dünkel, die Generalisierung. Früher war es das Wort „Glotze“. Es machte den einzelnen Zuschauer und das gesamte Programm dümmlich. Heute sagt einer meiner Nachbarn „immer derselbe Scheiß drin“, während er seinen neuen überdimensionalen Flachbildschirm in den zweiten Stock schleppt.

Der Bekanntenkreis erwähnt, dass er kaum noch fernsieht, allenfalls Arte und 3sat. Und Phönix. Oder: „Wir haben keinen Fernseher mehr.“ Beliebt ist dieses Muster für Kommunikation in den Netzwerken: Jemand postet eine negative Meinung über eine Fernsehsendung. Andere Leute, die die Sendung kennen, teilen jetzt jemandem, den sie nicht kennen, mit, dass sie zum gleichen Urteil gekommen wären, wenn sie die Sendung selber gesehen hätten.

Man muss ja nicht fernsehen. Aber man kann.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare