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Eine Frau wurde ermordet. Die Polizei untersucht den Tatort.  

Femizid

Warum Mord keine „Beziehungstat“ ist

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Tötungsdelikte innerhalb einer Familie werden gerne als „Familientragödie“ oder „Beziehungstat“ umschrieben. Damit wird die Verantwortung des Täters verschleiert. Ein Kommentar.   

Eine Frau und ihr Sohn werden mutmaßlich vom Ehemann und Vater ermordet. Eine Agentur betitelt die Meldung mit „Familientragödie“, eine andere hält den Mord gar für ein „Familiendrama“. Mit „Familiendrama in Heilbronn: Sohn soll Mutter getötet haben“, ist ein weiteres vermutlich innerfamiliäres Tötungsdelikt überschrieben. In einem anderen Fall steht ein 23-Jähriger im Verdacht, seinen Vater umgebracht zu haben – auch eine sogenannte „Familientragödie“. 

Und noch eine „Familientragödie“ in Niedersachsen: Ein 24-Jähriger soll seine Ehefrau und danach sich selbst umgebracht haben. In Neuss war es schließlich eine „tödliche Beziehungstat“, als ein 31-Jähriger wohl seine Ex-Freundin erschoss. 

Die Tötung einer Frau ist ein Femizid

Es ist schon erstaunlich, zu welch blumiger Wortwahl gegriffen wird, wenn es sich um Mord oder Totschlag innerhalb einer Familie oder Paarkonstruktion handelt. Das Drama ist ein Begriff aus der Kultur, eine Tragödie zählt zur Gattung des Dramas, ihnen ist die Inszenierung einer Fiktion implizit. Warum wird ein Mord mit Verwandtschaftsbezug mit einem dramatischen Subtext unterlegt, ganz so, als sei er das vorgezeichnete Ergebnis einer dramatischen Zuspitzung in einem Stück mit mehreren Akten? Weil Blut halt doch dicker ist als Wasser beziehungsweise die Frau schon ihren Teil dazu beigetragen haben wird?   

Wird eine Frau von ihrem Partner oder Ex-Partner ermordet, sind die Motive meist Eifersucht oder Abweisung. Entsprechend muss eine Frau sterben, weil sich ein Mann in seiner Eitelkeit gekränkt fühlt. Die 147 Frauen, die 2017 getötet wurden, sind als Opfer von Männergewalt völlig real und eben kein Teil eines Dramas, dem scheints eine beidseitige Leidenschaft mitschwingt und das ihnen ihre Rolle zuschreibt. 

Teil der patriarchalen Systematik

Ebenso unangebracht und verharmlosend ist die Bezeichnung der „Beziehungstat“. Was soll das denn sein? Der Begriff verlagert die Verantwortung vom Täter auf die Beziehung, die letztlich den Mann zur Tat getrieben zu haben scheint. Als habe die Beziehung ihn verleitet, und nicht sein übertriebener und gefährlicher Machismo, der mit der Selbstbestimmung von Frauen nicht klar kommt. 

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Viele Autorinnen verweisen darauf, dass Femizid der Begriff sei, der bei der Tötung einer Frau zur Anwendung kommen sollte. Und dies völlig zurecht, da hier die Geschlechtsspezifik der Tat ebenso abgedeckt wird wie die Gewalt gegen Frauen. Die ist nämlich keine Folge einer Liebesbeziehung, sondern Teil der patriarchalen Systematik, die männliche Dominanz als naturgemäß verkauft. Und die spiegelt sich dann wieder, wenn der Begriff eine Tat so weit verschleiert, dass der Täter lediglich als Teil eines theatralischen Aktes vorkommt.

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