Woanders gelesen

Von Feinden getragen

  • schließen

Journalist Winkler schreibt über Ex-Nazis und Wiederaufbau

Willi Winkler war bei „taz“, „Die Zeit“ und „Der Spiegel“. Seit vielen Jahren schreibt er für die „Süddeutsche Zeitung“. Er hat eine beeindruckende Reihe Bücher veröffentlicht. 2016 erschien sein „Luther. Ein deutscher Rebell“. Anfang der Woche kam ein Band in die Buchläden, mit dem er an die frühen Jahre der Bundesrepublik erinnert und an die tragenden Rollen, die darin bekennende oder auch ihre Vergangenheit leugnende Ex-Nazis spielten, die oft nicht Ex waren. Herren von Martin Heidegger bis Horst Tappert.

Schon 1949 hatte Bundeskanzler Konrad Adenauer im Bundestag erklärt, man dürfe „nicht mehr zwei Klassen von Menschen in Deutschland unterscheiden: die politisch Einwandfreien und die Nichteinwandfreien“.

Winkler erinnert auch daran, dass Helmut Schmidt 1965 als wehrpolitischer Sprecher der SPD erklärte, man dürfe nicht in den Fehler verfallen, „alle Soldaten der Waffen-SS mit einer besonderen Kollektivschuld zu beladen und sie mit den SS-KZ-Bewachungsmannschaften in einen Topf zu werfen“. Eine vernünftige Differenzierung, wenn damit nicht die Absolution für die Taten der Waffen-SS gemeint gewesen wäre.

„Das braune Netz“ des Buchtitels wird im Werk deutlich. Dagegen erfährt man nicht, was der Untertitel verspricht. Nämlich „wie die Bundesrepublik von früheren Nazis zum Erfolg geführt wurde“. Nicht jeder Bundesrepublikaner war ein Ex-Nazi. Aber der neue Staat und die Demokratie wurden zu einem Gutteil von Ex-Nazis auf- und ausgebaut. Wie das möglich war, wissen wir noch zu wenig. Winkler hilft uns nicht zu begreifen, wie aus Nazis Republikaner wurden.

Die verheerende Niederlage der Herrenrasse und die Trümmerlandschaften deutscher Städte waren wohl wichtige Voraussetzungen dafür, dass aus dem besonders krummen Holz einer nationalsozialistisch geprägten Bevölkerung – unter alliierter Aufsicht – Demokraten werden konnten, die keine Rachefantasien wie nach dem Ersten Weltkrieg verfolgten.

Willi Winkler, Das braune Netz. Rowohlt Berlin, 415 Seiten, 22 Euro.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare