Kolumne

Der Feind im Lesesaal

Das Schweigekartell im Auswärtigen Amt hatte – jedenfalls zu Bonner Zeiten – seine Komplizen im Politischen Archiv.

Von Götz Aly

Seit drei Jahrzehnten arbeite ich hin und wieder im Politischen Archiv des Auswärtigen Amts. Meistens benutze ich dort Akten der Jahre 1933 bis 1945. Als das Amt noch in Bonn residierte, landete ich in einem Parterregelass, das eisige Willkür durchwehte, kontrastiert von einer zauberhaften Aussicht auf den Rhein.

Mit kurzem Blick stufte mich die Lesesaalleiterin in die Kategorie „Feind“ ein, ordentliche Verzeichnisse legte sie nicht vor, sachdienliche Auskünfte erteilte sie nie. Wie ich später erfuhr, nannten die Archivare ihre Findehilfsmittel intern Versteckhilfsmittel. Als Laptops aufkamen, wurde deren Gebrauch sofort untersagt. Die Archivarin verlangte sogar Einblick in meine handschriftlichen Notizen. Schrill. Ähnliche Geheimniskrämerei konnte man in den 1980er Jahren im sozialdemokratisch geführten Hamburger Landesarchiv erleben oder im Geheimen Staatsarchiv in Berlin-Dahlem, das die preußischen Akten bis 1945 verwahrt. Sehr viel liberalere Verhältnisse herrschten im Koblenzer Bundesarchiv, ebenso in den bayerischen und baden-württembergischen Staatsarchiven.

Als das Auswärtige Amt vor gut zehn Jahren an die Spree umzog, wurde das Politische Archiv im Gebäude der einstigen Berliner SED-Bezirksleitung untergebracht. Der DDR-Schick betört nicht jeden Besucher, aber das Arbeitsklima änderte sich schlagartig. Das lag nicht hauptsächlich an Außenminister Joschka Fischer, sondern an den heilsamen Folgen des Umzugs, am Generationenwechsel und an munteren Neuzugängen. Von heute auf morgen gewannen junge Archivare die Oberhand, Kollegen aus der DDR wurden übernommen, es entstand eine heitere, aufgeschlossene Mischung. Plötzlich wurden Verzeichnisse erstellt und vorgelegt, Fragen gern beantwortet, mündliche Auskünfte aus gesperrten Akten erteilt, Hilfe zur Entschlüsselung von Paraphen gegeben. Die vom Archiv waren wie neu geboren.

Ich erzähle das, weil der Zorn über das langjährige Schönlügen der Nazidiplomaten nicht diejenigen treffen sollte, die heute im Archiv arbeiten. Nicht sie, sondern ihre altbundesrepublikanischen, heute 70- bis 80-jährigen Vorgänger waren die Komplizen des Schweigekartells.

Es ist Außenminister Fischer zu danken, dass er den Auftrag für die eben erschienene Untersuchung erteilt und die Kommissionsmitglieder gut ausgewählt hat. Diesen gelang es in bemerkenswert kurzer Zeit, ein klar formuliertes Ergebnis zu präsentieren. Das unterscheidet diese Kommission deutlich von vielen anderen Historikerkommissionen, die zur Untersuchung der Nazivergangenheit von Banken, Unternehmen, wissenschaftlichen Institutionen wie der Max-Planck-Gesellschaft (vormals Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft) oder der Deutschen Forschungsgemeinschaft eingesetzt worden sind. Die meisten dieser Kommissionen legen nach langwieriger Umstandskrämerei miserabel geschriebene, vieltausendseitige Berichte vor, die kein vernünftiger Mensch liest. Die öffentlichkeitsfeindlich gehaltenen Schwarten enthalten schwammig formulierte Ergebnisse, die in einem Wust uninteressanter Empirie eher versteckt als mitgeteilt werden. Dass genaue Arbeit und gute Präsentation kein Widerspruch sind, zeigt die jetzt vorgelegte Studie zum Auswärtigen Amt. Künftige Untersuchungen zur NS-Vergangenheit einzelner Institutionen sind daran zu messen.

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