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Tag der Deutschen Einheit: Grund zum Feiern oder doch eher Volkstrauertag?

Deutsche Einheit

Feiertag oder doch eher Volkstrauertag?

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Zwischenstand heute: Von einer Einheit sind wir weit entfernt. Doch ist das schlimm? Unsere Kolumne.

Eigentlich – und da teile ich die Meinung der Kirchen, aber nur da – finde ich Feiertage angenehm. Die Stadt ist leiser und leerer, denn viele von denen, die sich werktags in ihrer penetranten Emsigkeit zum Popanz machen, fahren in Weinbau-, Ski- oder Naherholungsgebiete und drangsalieren dort die Einheimischen.

Das ist nicht schlimm, denn die freuen sich auf die geldausgebenden Lackaffen, so wie sich jene nahe den Pleiteflugplätzen Kassel oder Hahn danach sehnen, nachts möglichst häufig vom Donnern eines Düsenjets aus dem Bett geworfen zu werden. Wenn sich das Portemonnaie füllt, nehmen viele Vieles in Kauf.

Feiertage sind also ein Segen, besonders die weltlichen. Kirchliche hingegen verlieren durch fortwährendes Glockengeläut beträchtlich an Qualität, erst recht, wenn ich dann nicht meinem geliebten Tanz frönen darf.

So könnte ich also voller Vorfreude auf den morgigen, weltlichen Feiertag blicken – wäre da nicht der Anlass, die „Deutsche Einheit“. Denn für meine Begriffe ist das kein Feiertag, sondern eher ein adäquater Ersatz für den schon immer zweifelhaften Volkstrauertag.

Der nämlich soll Mördern und Opfern gleichermaßen gedenken, also den gefallenen Soldaten der beiden Weltkriege wie den durch die Nationalsozialisten Getöteten. Ein taugliches Beispiel für missratene deutsche Vergangenheitsbewältigung – wie auch das scheinheilige Befeiern der sogenannten Wiedervereinigung.

War sie doch von Anfang an ein von Gier geleitetes Unterfangen, bei dem alle Beteiligten sehr schnell das Gespür für die Verhältnismäßigkeit verloren. Die einen wollten Wohlstand, Westwagen und Wegwerfwindeln, die anderen witterten den schnellen Profit und wickelten dafür Millionen unbedarfter Ostbürger um den Finger.

So spielte man jahrelang das falsche Spiel namens „Vereinigung“, geschürt von Versprechungen, die nie zu halten waren. Zwischenstand heute, nach vier Jahrzehnten: Von einer Einheit sind wir weit entfernt. Aber ist das schlimm? Nein.

Längst überfällig wäre ein „Tag der Deutsch-Französischen Freundschaft“

Es bedürfte schlicht einer Kurskorrektur. Weg von Großdeutschland, hin zu Europa, genauer hin zur Europäischen Union, denn dort liegen die wirklichen Herausforderungen. Die sogenannte Wiedervereinigung war von Beginn an ein Schritt ins Vorgestrige, befand sich doch das vereinte Europa bereits im fortgeschrittenen Planungsstadium.

Hätte man damals versucht, die Ostbürger nicht zu Westdeutschen umpolen zu wollen (was bis heute nicht gelungen ist), sondern zu stolzen Paneuropäern, stünden heute womöglich weniger an den Straßenrändern und brüllten nationale Parolen.

Dann würden sie vielleicht auch verstehen, dass es Menschen in Ländern der Europäischen Union wie Griechenland, Rumänien oder Bulgarien heute schlechter geht, als es Bürgern der DDR (Deutsche Demokratische Republik) jemals gegangen ist. Lebten sie doch schon damals in einem der reichsten Länder der Erde, wenn auch ohne Jakobs-Kaffee und Chiquita-Bananen.

Und zum Thema Feiertag: Längst überfällig wäre ein „Tag der Deutsch-Französischen Freundschaft“. Denn die jahrhundertelange Erbfeindschaft dieser beiden Völker brachte weitaus mehr Unheil als vierzig Jahre deutsche Teilung.

Und dann die Krönung aller Feiertage: Ein „Tag der Europäischen Einheit“. Denn diese ist trotz aller Widrigkeiten eine der größten Errungenschaften in der Geschichte der Menschheit.

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