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Die Berliner Staatssekretärin Sawsan Chebli.

Chebli und Kiderlen

Von Fehlern und Sexismus

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Die Debatte über den Fall Kiderlen hat den Diplomaten schnell als Sexisten an den Pranger gestellt. Ist der Vorwurf gerechtfertigt?

Von einem guten Kompliment könne er, behauptete Mark Twain, zwei Monate lang leben. Gut verunglückte Säfteleien sättigen, das walte Brüderle, noch nachhaltiger. Hans-Joachim Kiderlen ist gerade dabei, sein Kompliment zu verdauen. Der frühere Diplomat hatte bei einer Veranstaltung die von ihm eingeladene Berliner Staatssekretärin Sawsan Chebli nicht erkannt und sich dann zu rechtfertigen versucht: „Ich habe keine so junge Frau erwartet. Und dann sind Sie auch so schön.“ Die wiederum äußerte später „unter Schock“ auf Facebook, solchen Sexismus noch nie erlebt zu haben. Und es erschauerten Millionen Frauen von Afghanistan bis Hollywood.

Eine feministische Denkschule sagt, dass, wenn eine Frau sich wegen ihres Geschlechts diskriminiert fühlt, sie auch diskriminiert wurde. Punkt. Es ist immer sehr schlimm und auch so gemeint. Kategorien wie „Ungeschicklichkeit“ oder „Missverständnis“ kommen in der Doktrin nicht vor.

„Den Grad der inneren Verletzung bestimmt das Opfer, niemals der Täter“, definierte jüngst auch der Chefredakteur der „Welt am Sonntag“. Es gibt so progressive Männer. Ich kenne dagegen auch gescheiterte Kommunikationen, für die Begriffe wie „Täter“ und „Opfer“ dick aufgetragen scheinen. Ob Vorwürfe angemessen sind, obliegt für mich nicht allein dem Urteil der Beteiligten, sondern ist Ergebnis teils ungeschriebener, teils „Gesetze“ genannter gesellschaftlicher Übereinkünfte. Aber gut. Ich will ja lernen.

Mithin nehme ich wissbegierig zur Kenntnis, dass in besagtem Fall ein mediales Verfolgungsinteresse besteht. Mindestens ein Journalist fragte beim Auswärtigen Amt nach, ob der Diplomat Kiderlen für seinen Übergriff mit dienstrechtlichen Konsequenzen rechnen müsse.

Die kurze und prägnante Antwort lautet: Als Ruhestandsbeamter könne er nur in schweren Fällen belangt werden. Kein schwerer Fall? Hallo? Frau Chebli steht unter Schock! Bemerkungen über Alter und Aussehen von Politikerinnen gehen gar nicht, außer sie heißen Christian Lindner oder Sebastian Kurz.

Der Täter bedauerte inzwischen per E-Mail seine, wie es heißt, unpassende Ansprache und Begrüßung. Unklar ist, ob Kiderlen sich auch von der Behauptung distanzierte, das Opfer sei jung und schön. Damit glaubt er wohl aus dem Schneider zu sein.

Gemach. Nicht so schnell, 73 Jahre alter, weißer Mann. Ich kenne diese Typen der „alten Schule“. Sie praktizieren immer noch ihre überkommenen Kavalierskonventionen. Eine lautet: Wenn eine Dame sich deinetwegen beschwert, warum auch immer, lamentiere nicht, sondern nimm alle Schuld auf dich.

Für mich ist das frauenverachtend. Frauen haben dasselbe Recht wie alle anderen, es gesagt zu bekommen, wenn sie ihre legitimen Anliegen der Lächerlichkeit preisgeben. Schweigen ist nicht galant, sondern geringschätzig.

Nähme der Diplomat Kiderlen die Politikerin Chebli ernst, hätte Kiderlen ihr, von Diplomat zu Politikerin, mitgeteilt: „Verehrteste, Sie hätten mir ihre Indignation persönlich aufzeigen können, statt mich weltweit als Westentaschen-Weinstein zu dekuvrieren. Fürwahr, ich vergriff mich. Warum versuchen Sie mich zu übertreffen?“

Aber so hochnotwahrhaftig hat Kiderlen gewiss nicht formuliert, der elende Sexist. Tja. Er hatte seine Chance. Aus der Nummer kommt er nicht mehr raus.

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